eine Küche ist hüfthoch zugemüllt

Existenz im Höllenkreis? IV

Die Heimkehr

„Hier zieh das über“, sagte der dicke Fahrer des Krankentransporters zu seinem Kollegen und reichte ihm ein paar Plastiküberzieher für dessen Schuhe. „Hier gibt es Kakerlaken und im Flur ist alles vollgeschissen. Auf die Spritzen musst Du auch achten. Bloß nicht reintreten, sonst hast Du gleich Aids oder Hepatitis. Wenigstens ist es dann ein Arbeitsunfall und Du bekommst eine fette Rente von der Berufsgenossenschaft.“ Er lachte als einziger ausgiebig über seinen Witz und fuhr fort: „Das ist voll asozial hier. Hier gibt es einen Spinner, der immer epileptische Anfälle bekommt und nach dem Aufwachen alle Leute verprügelt, die ihm in die Quere kommen. Die Jungs von der Rettung fahren hier nur noch mit Polizeischutz hin.“ Der junge Beifahrer schien freudig erregt. In seinem jungen Leben war scheinbar noch nicht sonderlich viel Aufregendes passiert. Er schaute auf das hohe schmucklose Gebäude mit einem Gesichtsausdruck, der besser zu einem Rummelplatzbesucher gepasst hätte, der gleich in eine Achterbahn steigen darf. Irgendwie schien ihn plötzlich der Mut zu verlassen und er fragte: „Können wir ihn nicht einfach vor der Tür abladen?“ Er zeigte mit dem Finger auf Thomas, der in einem Rollstuhl zwischen den beiden Männern saß. „Ich kann Sie übrigens hören. In einem Rollstuhl zu sitzen, bedeutet nicht zwangsläufig gleichzeitig schwerhörig zu sein“, äußerte sich Thomas leicht säuerlich. Die beiden Männer sahen auf den Rollstuhlfahrer herab und schienen überrascht zu sein. Worüber erschloss sich Thomas nicht sofort. Hatten sie bislang tatsächlich nur stumme Patienten transportiert oder hatte ihre Aufgabe durch die Tatsache, dass ihr Patient plötzlich auch Wünsche äußerte, eine bislang ungeahnte Komplexität angenommen? Der Dicke kratzte sich am Bauch. Der Junge schien verlegen und kratzte sich am Kopf. „Das sind mir die Richtigen. Liegt dem Steuerzahler auf der Tasche und macht auf vornehm“, stänkerte der Dicke nun. Jetzt reichte es Thomas. Er hatte drei komplette Wochen in der Klinik verbracht und immer fremde Menschen um sich herum gehabt. Er sehnte sich nach Ruhe und Rückzugsraum. Nach Einsamkeit sehnte er sich nicht. Sie würde aber kommen. Er nahm all seine Kraft zusammen und erhob sich aus dem geliehenen Rollstuhl. Thomas hätte ohnehin gerne auf ihn verzichtet, doch aus versicherungstechnischen Gründen hatten die beiden Männer darauf bestanden. „So geht das aber nicht“, sagte der Dicke und wollte Thomas festhalten. Thomas hielt inne und blickte den Mann finster an. Die Stimme in seinem Kopf rief: „Hau ihm eine rein.“ Erschrocken wich der dicke Mann zurück. Der Jüngere schaute nun als hätte er das Looping seiner Achterbahn erreicht und stünde Kopf. Thomas ignorierte die Stimme und wandte sich von seinen beiden Helfern ab. Er hatte sich das letzte Mal auf dem Schulhof geprügelt und wollte es auch dabei belassen. Mit seiner Armschlaufe wäre er vermutlich auch nicht besonders erfolgreich gewesen. „Hab ich Dir nicht gesagt hier wohnen nur Verrückte“, erklärte der dickere der beiden Männer dem Jüngeren. Dieser antwortete: „Wen ich das heute Abend den Jungs erzähle, die werden staunen.“ Thomas schleppte sich zum Fahrstuhl, der nur über vier Treppenstufen erreichbar war. Die Architektur der sechziger Jahre verwunderte Thomas immer wieder aufs Neue. „Wieso zum Teufel muss man eine Treppe steigen, um zu einem Fahrstuhl zu kommen?“, fragte er sich. Bislang hatte er die Stufen immer im Galopp genommen und sich nicht viele Gedanken gemacht. „Wenn es einem nicht selber betrifft macht man sich eben keine Gedanken“, sinnierte er. „Oh, der große Philosoph. Durch persönliches Leid zur höheren Erkenntnis gelangt“, spottete die Stimme in seinem Kopf. „Ach, halt doch die Klappe“, sagte Thomas wütend und hievte sich in den Fahrstuhl. In seiner Wohnung angekommen schlug ihm ein fürchterlicher Gestank entgegen. Ein verschimmelter Käse lag auf der Ablage der Singleküche im Flur. Die Kakerlakenfalle, die er aufgestellt hatte war voll. Er öffnete die Fenster, nahm den Käse und warf in hinaus. In den drei Wochen Klinikaufenthalt hatte ihn niemand besucht. Er wusste nicht mal, ob ihn überhaupt jemand vermisst hatte. Erschöpft sank er auf das Sofa nieder. „Endlich zuhause“, dachte er als ihm eine Notiz auffiel, die jemand unter seiner Türe durchgeschoben hatte. Sie war von seinem krebskranken Nachbarn Olaf. Neugierig begann er, die in unsicherer Schrift verfasste Nachricht zu lesen:

Der Abschiedbrief

Lieber Thomas,
ich hoffe Du kommst wieder auf die Beine. Meine Warnung vor dem achten Stock hast Du ja leider in den Wind geschlagen. Die haben dort oben das Gesetz in die eigene Hand genommen. Selbst die Junkies machen einen großen Bogen um das Stockwerk. Falls Du alles überlebt hast, wird es Dir wohl eine Lehre sein. Dein Geheimnis kenne ich nun auch. Sei unbesorgt. Hier im Haus gibt es etliche die von ähnlichen Visionen gequält werden. Versuch es mal mit einem Bier wenn es zu arg wird. Ich habe gehört es soll besser helfen als die Pillen aus der Klapse. Lebensverkürzend ist beides im gleichen Maß. Ich konnte Dich leider nicht besuchen, da ich selber gerade im Sterben liege. Die holen mich gleich ab, da ich stärkere Schmerzmittel brauche und hier niemanden zu Last fallen möchte. Wenn Du das liest bin ich vermutlich bereits tot. Na ja. Macht nichts. Ich habe mein Leben gelebt. Tu dasselbe. Wenn Du etwas aus meiner Wohnung brauchst nimm es nur. Frag aber vorher Ralf.
Viele Grüße von Olaf

Er ließ traurig den Brief sinken. Wieder ein Mensch der sich anschickte aus seinem Leben zu verschwinden. Thomas kannte Olaf zwar noch nicht sehr lange aber sein Nachbar war immer freundlich gewesen und hatte geholfen wo er konnte. Er fühlte sich noch verlassener als sonst. So einfach würde er Olaf nicht davonkommen lasssen. Gleich morgen würde er sich auf die Suche nach ihm machen, um sich ordentlich zu verabschieden. Wer war eigentlich Ralf? Vermutlich der bärtige missmutige Nachbar, der aussah und sprach wie die Zwerge in „Der Herr der Ringe.“ Thomas hatte ihn einmal mit Olaf bei einer Unterhaltung in Flur angetroffen. Ralf war ein wortkarger Geselle, der bei einer Versammlung von mehr als zwei Personen schnell das Weite suchte. Thomas beschloss ihm demnächst einen Besuch abzustatten.

Unverhofft kommt oft

Am nächsten Tag klopfte es an der Türe. Thomas lauschte, ob es eine zusätzliche mündliche Information gab. „Herr Graf?“, rief eine weibliche Stimme. „Beatrix?“, rief er hoffnungsvoll und öffnete die Türe. Sie stand mit einer Art Gemüsekuchen im Flur, der verführerisch roch. Heute trug sie ein grünes aus Wolle gefilztes Haarteil, das im Gegenteil zu ihrem Letzten einen fast gleichmäßigen Eindruck machte. Unter einem roten Minirock hatte sie rosa weiß gestreifte Strumpfhosen an. Ihre Füße steckten in Plüschpantoffeln. Ihr orangenes Oberteil mit Spagettiträgern gab den Blick auf ihre blassen zarten Schultern frei. Thomas war sofort hingerissen. „Sie dürfen den Mund nun schließen Herr Graf“, sagte seine Nachbarin keck und ging ohne Aufforderung zum Eintreten an ihm vorbei. „Sie müssen entschuldigen. Ich bin leider zurzeit etwas unpässlich und nicht auf Besuch eingestellt“, erklärte sich Thomas. Beatrix lachte nur und begann den Tisch zu decken. „Ich habe Ihre Anreise gestern beobachtet und mir gedacht Sie konnten bestimmt etwas Pflege gebrauchen.“ Thomas setzte sich, sah auf den Gemüsekuchen und sagte gerührt: „So etwas Schönes habe ich schon lange nicht mehr geschenkt bekommen.“ Der Kuchen schmeckte schrecklich, doch Thomas war glücklich. Nach der dritten Portion hob er abwehrend die Hände als sie ihm erneut auftun wollte und sagte: „Ich bin ihnen so dankbar, dass sie an mich gedacht haben. Ich dachte schon ich wäre ganz alleine auf dieser Welt. Niemand hat etwas von sich hören lassen.“ Beatrix legte den Kopf ein wenig schief und lächelte ihn an. Anschließend schnappte sie sich die Reste des Essens und verschwand mit den Worten: „Wenn der Herr Graf etwas benötigen, finden Sie mich im siebten Stock.“ Thomas ging es schon viel besser.

 

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