Deporties ! Randnotizen der Geschichte

Die Stadt Frankfurt am Main hat es, bedingt durch die Größe ihres Flughafens und die Besonderheiten der deutschen Geschichte, mit einem seltenen Phänomen zu tun. Deutsche Staatsbürger und Staatsbürgerinnen, die aus dem Ausland abgeschoben werden, landen meistens in Frankfurt. Der hiesige Flughafen ist der viertgrößte Europas und eines der bedeutendsten Luftfahrtdrehkreuze der Welt. Die meisten der jährlich 64 Millionen Passagiere steigen in Frankfurt nur auf andere internationale Linie um. Wo ein großer Hafen ist, gibt es auch einen Haufen Gestrandeter. Das hat jetzt weniger etwas mit Seefahrerromantik zu tun, zumal Hessen bekanntlicherweise ein Binnenland ist, sondern eher mit trauriger Realität. Das merkwürdige an diesen meist männlichen deutschen Abgeschobenen ist, dass viele überhaupt kein deutsch sprechen können. Manche von ihnen wussten nicht mal, dass sie einen deutschen Pass haben, obwohl sie in Deutschland geboren wurden. Sie finden das merkwürdig? Ich finde es wäre merkwürdig, wenn sie das nicht merkwürdig fänden. Die Erklärung ist allerdings recht einleuchtend. Die Betroffenen sind im Kleinkindalter mit ihren Familien ausgewandert. Viele amerikanische Besatzungssoldatinnen und Soldaten haben mit deutschen Partnerinnen und Partnern Familien gegründet und diese nach ihrem Einsatz in die USA mitgenommen. In den fünfziger und sechziger Jahren des letzten Jahrhunderts waren es hauptsächlich amerikanische Männer, die deutsche Frauen mitgenommen haben. Da der Hauptteil der amerikanischen Streitkräfte in den 1990er Jahren im Zuge der Wiedervereinigung aus Deutschland abgezogen wurde, wird dieses Phänomen wohl nur eine Randnotiz der Geschichte bleiben. Hier in Frankfurt gibt es hunderte Betroffene. Wir haben sogar einen Begriff für diese Menschen. Wir nennen sie Deporties. Wenn man diesen Begriff im Internet sucht findet man nicht allzu viel dazu. Eine karibische Insel namens Saint Lucia hat beispielsweise Probleme mit kriminellen Staatsangehörigen, die in den USA gelebt haben und von dort in ihr Heimatland abgeschoben wurden. Über abgeschobene Deutsche ist nicht viel zu lesen. Vermutlich ist die Anzahl gemessen an der alltäglichen weltweiten Abschieberei sehr gering. Normalerweise erhalten Kinder von amerikanischen Elternteilen problemlos die amerikanische Staatsbürgerschaft. Wenn man nicht in den USA geboren wurde und die Eltern nicht verheiratet waren, muss man sie muss sie halt beantragen. Es ist ja auch nicht ungewöhnlich zweisprachig aufzuwachsen. Wenn der Wille mit seiner alten Kultur zu brechen aber größer ist, widmet man sich ganz der neuen Kultur und Sprache. Es ist auch nicht unbedingt so, dass es jedem leicht fällt zwischen Kulturen und Sprachen umher zu wandeln, zumal die amerikanische Kultur zwar sehr offen aber gleichzeitig extrem ignorant ist. Jeder kann mit seinen kulturellen Einflüssen kommen aber muss trotzdem Englisch lernen. Das Erlernen einer Fremdsprache ist in den USA nicht vorgesehen. Wozu auch? Man wird überall auf der Welt verstanden.

Was muss man eigentlich tun, um aus den USA abgeschoben zu werden? Ich bin kein Jurist aber habe einige ernüchternde Erfahrungen mit dem Rechtsstaat gemacht. In die Segnungen des Rechtsstaates kommt man für gewöhnlich nur, wenn man ihn zu nutzen weiß. Ich wurde beispielsweise zu gerne mal eine Wohnungsräumungsklage gegen jemanden anstrengen, der weder die Tür öffnet noch seine Post liest. Das ist sehr häufig der Fall. Ich möchte niemanden wohnungslos machen, sondern lediglich beweisen, dass man in diesem Fall als Vermieter alles behaupten kann. Ich würde behaupten der Mieter lässt ohne Zustimmung Außerirdische in seinem Wohnzimmer landen und verweigert mir den Zugang. Es würde mich nicht wundern, wenn nach mehreren Monaten ein Versäumnisurteil zur Übergabe der Wohnung ergehen würde, da sich der Mieter nicht geäußert hat. Wer sich nicht zur rechten Zeit am rechten Ort adäquat äußert, hat verloren. Zugegeben, es gehört meistens eine ganze Reihe von Verfehlungen dazu, um aus den USA abgeschoben zu werden. Manchmal sind es aber die Verkettungen der berühmten unglücklichen Umstände. In Deutschland geboren zu sein, kein amerikanischer Staatsbürger zu sein, einen Eintrag im Strafregister wegen Drogenbesitz im Jugendalter zu haben und eine aktuelle Trunkenheitsfahrt begangen zu haben, könnte so eine Unglückskette aussehen, die mit einer Abschiebung aus den USA endet. Wenn man jetzt noch ein bisschen planlos ist und nicht genug Geld für juristischen Beistand hat, heißt es schnell „Arrivederci Hans“. Dann sitzen Horst, Günther oder Karl- Heinz ganz schnell am Frankfurter Flughafen und erklären mit breitem texanischem Dialekt, dass sie die Welt nicht mehr verstehen. Stellen sie sich Bruce Willis vor, der, wie jeder weiß, in Idar Oberstein geboren wurde. Können sie sich den Mann im Integrationskurs des Jobcenters vorstellen? Bruce wäre vermutlich schon nach dem ersten stirb langsam Film als Gewalttäter abgeschoben worden und in Deutschland strafrechtlich gesehen ein unbeschriebenes Blatt. Gut, jeder soll eine zweite Chance bekommen auch Bruce. Die stirb langsam Teile 2 bis 4 wären uns auf jedem Fall erspart geblieben. Viele Deporties erinnern mich irgendwie an Bruce. Irgendwie cool und locker. Sie haben durchaus Humor und sind Macher. (What was your job in the USA? I was a bank robber). Jemand der Steckdosen rein und raus gesteckt hat, nennt sich beispielsweise Elektriker. Sein Plan ist es zu einer Baustelle zu gehen und nach Arbeit zu fragen. Das funktioniert in Deutschland mit seinen Vorschriften, Bildungsstandards und Tarifverträgen aber nicht. Er findet es absolut unverständlich, dass ihm der Staat lieber alimentiert als arbeiten lässt. Nach zehn Jahren in Deutschland haben Horst, Günther und Karl-Heinz, wie jeder Durchschnittsamerikaner auch, weder Deutsch gelernt noch akzeptieren können, dass sie vom Staat finanziert werden. In verschiedenen Jobs haben sie lernen müssen, dass das Tagelöhnertum in Deutschland noch nicht sehr verbreitet ist und neben hohen Einstiegshürden auch hohe Anforderungen am Arbeitsmarkt herrschen. In ihrer Gehaltsklasse lohnt sich das Arbeiten nicht so recht. Sie haben sich echt bemüht aber sie können es trotzdem nicht begreifen. Die Geschichte kann manchmal ganz schön hart zuschlagen. Wenn jede Trunkenheitsfahrt mit einer Abschiebung enden würde, hätte Deutschland vermutlich weit weniger Bewohnerinnen und Bewohner als jetzt.

Versuchen wir doch mal empathisch zu sein. Stellen Sie sich vor, Sie müssten von heute auf morgen in Albanien oder China leben. Ich wüsste nicht was solche Länder beispielsweise mit deutschsprachigen Sozialarbeitern anfangen soll. Ohne Sprachkenntnisse und mit einer Ausbildung, die dort nicht nachgefragt ist, hätte ich wohl meine Probleme. Ich habe mir sagen lassen, dass in diesen Ländern sogar korrekte ausgefüllte Anträge bei Behörden nicht unbedingt zum Erfolg führen. Was für ein Kulturschock. Freunde und Familie zurückzulassen und nie wieder in seine Heimat zurückzukehren klingt auch nicht nach Zuckerschlecken. Eine Bekannte von mir wurde unlängst auf dem Bürgeramt gefragt, ob sie ihre slowenische Staatsbürgerschaft behalten möchte. Eigentlich wollte sie nur ihren deutschen Pass verlängern und hatte keine Ahnung von einer anderen Nationalität. Nach langen Überlegungen im Familienkreis kam man schließlich zu dem Schluss, dass der Großvater mütterlicherseits mit großer Wahrscheinlichkeit aus diesem Land kam. Das Geschäft mit den Nationalitäten und Abschiebungen ist wirklich extrem schnelllebig geworden. Wohl dem, der nur in einer Welt leben darf.

 

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2 Kommentare zu „Deporties ! Randnotizen der Geschichte“

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