Ein beschädigter Stacheldrahtzaun auf einem verwahrlosten Gartengrundstück

Ausbruch aus dem Gedankengefängnis

Manchmal können die eigenen Erfahrungen und die daraus resultierenden Gedanken wirklich zu einem individuellen Gedankengefängnis werden, denke ich als ich einen frischen Kothaufen mitten auf dem Gehweg entdecke. Es ist früh morgens und ich bin auf dem Weg zur U Bahn. Wegen des drohenden Regens sehe ich vom Fahrradfahren ab. Mit dieser Einstellung bleibe ich natürlich weit hinter Reinhold Messner zurück aber wenigstens trocken. Beim Anblick der Hinterlassenschaft habe ich sofort Bilder von Mensch und Tier im Kopf und frage mich welche wohl der Realität am nächsten kommen könnten. Es handelt sich offensichtlich um einen faulen oder eiligen Zeitgenossen. Ich diagnostiziere auch ein mangelndes Verantwortungsgefühl. Den Hund selber, den ich liebevoll Köter taufe, trifft in diesem Fall die kleinste Schuld. Er kotet wie wir alle, weil er das muss. Meine innere Empörung richtet sich gegen das in meinem Kopf entstandene Feindbild. Es muss sich hier um einen Mann mit finster verstohlenem Blick handeln, dessen mangelnde Sorgfalt für sich und seine Umwelt auf sein Äußeres abfärbt. Ich ahne Jogginghose, fettige Haare, Übergewicht und zur Kompensation des mangelnden gesellschaftlichen Ansehens einen Kampfhund an der Leine. Ich latsche also weiter und wundere mich über meine eigene Beschränktheit. Bei jedem wilden Sperrmüllhaufen und achtlos in Blumenbeete geworfene Coffee to go Bechern spult sich mein Gedankenfilm ab. Als würde das etwas ändern. Vermutlich geht unsere Epoche als Plastikmüllepoche in die Erdgeschichte ein. Archäologinnen und Archäologen werden in tausend Jahren Probebohrungen in der Erdkruste vornehmen und neben Sedimenten des Tertiärs hauchfeine Mikroplastikpartikel feststellen können, die zu Ende der Plastikmüllepoche vollständig die Erdoberfläche bedecken werden. Die Hundescheiße ist bis dahin wenigstens verrottet. Um aus meinem kleinen Gedankengefängnis ausbrechen zu können bedarf es neuer Gedanken. Meine Horizonterweiterungsübung besteht nun darin neben Achtlosigkeit und Faulheit mindestens zehn weitere  Gründe für den Kothaufen zu finden, die weniger misanthropisch sind. Der Hundebesitzer könnte beispielsweise beim Versuch den Kothaufen aufzuheben verunglückt und vom Notarzt abtransportiert worden sein. Er könnte auch eilig einen Mitmenschen in Not zur Hilfe geeilt sein, bevor er das Malheur beseitigen konnte. Der Hund könnte auch ausgebüxt sein und seine Notdurft ohne Wissen des sonst immer sehr verantwortungsvollen Herrchens oder Frauchens getätigt haben. Der oder die Besitzerin könnte auch blind sein und der Hund war vielleicht außerordentlich schnell fertig mit seinem Geschäft, so dass es dem wahrnehmungseingeschränkten Menschen entgangen ist. Wahrnehmungseinschränkungen jeglicher Art können natürlich weitere Gründe liefern. Schlaganfälle, Augeninfarkte, Psychosen oder Pubertät. Große Liebe durchströmt mich bei dem Gedanken an all die Widrigkeiten, die meine tapferen Mitmenschen ertragen müssen und sich trotzdem noch um ihren, an sich unschuldigen, weil mit einem sehr kleinen Gehirn ausgestatteten, Hund kümmern. Ich würde am liebsten sofort umkehren und die Scheiße selber wegmachen. Aber die U Bahn transportiert mich schon neuen Gedankensphären entgegen.

3 Kommentare zu „Ausbruch aus dem Gedankengefängnis“

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s