Speermüllhaufen in einem Waldstück. Im Vordergrund ist ein Rettungsring zu sehen, der an einem Einkaufswagen lehnt

Wer mit Verrückten arbeitet, wird schnell für verrückt erklärt

Gestern hatte ich wieder einmal das Vergnügen jemanden etwas erklären zu müssen, dass ich selber nicht ganz verstehe. Eine Mutter erzählte mir ihr ganzes Leid, das sie mit ihrem Sohn erlebt hatte und bat mich um Rat. Schlimmer noch, sie bat mich um eine Erklärung warum niemand ihrem Sohn helfen könne. Der Sohn ist seit vielen Jahren psychisch erkrankt und ist mittlerweile nicht mehr ganz jung. Die Mutter hat längst das Alter einer Großmutter erreicht. Dennoch ist es ihr Sohn, um den sie sich sorgt. Ihr einziger Sohn. Kurz gesagt. Der Mann ist nicht krankheitseinsichtig und wird aus diesem Grund auch nicht behandelt. Er gefährdet, nach den in Frankfurt am Main herrschenden gesetzlichen Maßstäben, weder jemanden anderen noch sich selbst und wird deshalb auch nicht zwangsbehandelt. Das klingt merkwürdig? In Frankfurt am Main herrschende gesetzliche Maßstäbe ? Sind die anders als in anderen deutschen Städten? Ja. Zumindest ist es die Rechtsauslegung. Letztens hat sich ein psychisch kranker Mensch aus Frankfurt aus Versehen in die falsche S- Bahn gesetzt und ist in der nahen Rheinland pfälzischen Hauptstadt Mainz gelandet. Am dortigen Hauptbahnhof hat er einfach die gleichen verrückten Sachen veranstaltet, mit denen er seit Jahren Frankfurt beglückt. Lautes Schreien mit Grimassen und ähnliches. Die Mainzer haben sich das nicht lange angeschaut und ihn zwangsweise in die Psychiatrie eingewiesen. Das ist kein Witz, sondern Realität in der föderalen Bundesrepublik. Von Bundesland zu Bundesland wird das anders gehandhabt. Selbst innerhalb Hessens nimmt Frankfurt einen Spitzenplatz bei der liberalen Anwendung der Zwangsmaßnahmen ein. In Frankfurt hat jeder das Recht verrückt und obdachlos zu sein. Das hat durchaus seinen Charme als radikaler Gegenentwurf zu Zeiten in der deutschen Geschichte, in denen kranke und behinderte Menschen ermordet wurden. Eine besorgte Mutter deren Sohn verlumpt auf der Straße schläft und sein Essen aus Mülleimern holt, beruhigt dieser geschichtliche Exkurs aber nicht wirklich. Relativ häufig sind Menschen der Ansicht, dass nicht sie, sondern ihre Umwelt verrückt sei. Viele leben damit auch wenn es manchmal für sie selber und auch ihre Umgebung ziemlich anstrengend sein kann. Innerhalb der Familien wird ein großer Teil dieser Menschen aufgefangen. Schwierig wird es, wenn die Familien restlos überfordert werden und auseinanderbrechen oder gar nicht erst existieren. Da psychiatrische Hilfen ohne Krankheitseinsicht nicht greifen und auch spezielle Wohnheime für psychisch kranke Menschen nach diesen Grundsätzen arbeiten, bleibt meist nur eine Notversorgung. Die Wohnungslosenhilfe bietet auch Unterbringungen ohne therapeutischen Anspruch an. Hier wird bei dem Versuch schwierige Menschen an rudimentäre Regel des Zusammenlebens heranzuführen letztlich doch irgendwie therapeutisch im stabilisierenden Sinn gearbeitet. Die Wohnungslosenhilfe übernimmt hier Aufgaben der Psychiatrie mit einem Bruchteil der finanziellen Ausstattung. Die Kolleginnen und Kollegen arbeiten unter schwersten Bedingungen mit verrückten Menschen und werden dafür selber für verrückt erklärt. Menschen, die nicht in der Lage sind selbst diese niedrigschwelligen Angebote anzunehmen werden obdachlos. Ich habe mit diesem Phänomen schon seit Jahren zu tun und mich irgendwie daran gewöhnt. Richtig erklären kann ich es einer betroffenen Angehörigen aber nicht. Wir schauen regelmäßig nach ihrem Sohn. Er redet aber nicht mit uns. Also schauen wir halt weiter und dokumentieren das sogar fleißig. Wenn es ihn zu sehr aufregt, dass wir ihn regelmäßig ansprechen, tun wir auch solch verrückte Dinge wie heimlich nach ihm zu sehen. Geheimdienstmäßig anschleichen sozusagen. Paranoia für alle. Vielleicht kommt es irgendwann mal zu einer Krise, die neue Handlungsmöglichkeiten bietet. Ein Übergriff oder eine Erfrierung, die eine Klinikbehandlung notwendig macht haben sich oft als Türöffner für weitere Hilfen erwiesen. Solche Aussagen über die harte Realität auf der Straße tragen ebenfalls nicht zur Beruhigung einer besorgten Mutter bei. Das er früher im Konzentrationslager gelandet wäre und im Vergleich dazu heute besser dran ist, wage ich nicht auszusprechen. Eigentlich möchte ich so etwas nicht mal denken aber die Gedanken sind bekanntlich frei und manchmal schwer zu kontrollieren. Die Psychiatrie ist in Falle von Zwangsmaßnahmen oftmals auch kein Heilsbringer. Viele Menschen sind mit Medikamenten nicht zufriedenstellend therapierbar. Natürlich kann man jemanden so unter Drogen setzen, dass er sabbernd in der Ecke sitzt und nichts mehr mitbekommt. Das macht aber kein vernünftiger Mensch lange mit und ein Verrückter schon gar nicht. Das sollte auch nicht der Maßstab sein. Das Umfeld ist immer sehr froh wenn die Störung weg medikamentiert ist. Wichtig ist aber welche Art von Medikamenteneinnahme der betroffene Mensch für akzeptabel empfindet. Wieviel Lebensqualität bleibt wenn ein großer Teil des Gefühlshaushalts ruhig gestellt ist. Die Verrückten Ideen bleiben übrigens. Man regt sich mit Medikamenten nur nicht mehr darüber auf, habe ich unlängst in einer Fortbildung gelernt.
Letztlich konnte ich der Mutter nicht weiterhelfen. Sie hat sich trotzdem aufrichtig bei mir bedankt. Sie wirkte erleichtert mit jemanden darüber sprechen zu können, obwohl sie bereits vielfach mit Betreuungsrichtern, Rechtsanwälten, Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeitern und anderen Menschen in der Stadt, die ihren Sohn erlebt haben, gesprochen hat. Vermutlich wird sie ihre Odyssee noch eine Weile fortsetzen, da sie auch das Thema Schuld umtreibt. Das alles ist mein Job und ich versuche es nach Feierabend nicht mit nach Hause zu nehmen. Wie man an diesem Beitrag erkennen kann ist das nicht immer ganz einfach. Über die Befindlichkeiten meiner Wenigkeit hinaus, bleibt das Problem unversorgter psychisch erkrankter Menschen auf der Straße bestehen. Institutionen, die sich dieses Problems mit entsprechender finanzieller und konzeptioneller Ausstattung annehmen sucht man in Frankfurt vergeblich. Im Falle des Sohnes wäre ich zufrieden, wenn ich ihm in die Situation einer freien Wahl bringen könnte. Sein Wahn treibt ihn durch die Stadt und lässt ihm keine Zeit zur Selbstreflektion. Sein Zustand ist so elend, dass ich ihm eine zeitweise Zwangsbehandlung wünsche, die ihn die Möglichkeit gibt in Ruhe alle Aspekte seines Lebens zu erfassen und abzuwägen. So wie ein alkoholkranker Mensch erstmal aufhören muss zu trinken, um zu überlegen ob er abstinent bleiben möchte oder doch weitertrinken will. Im Suff ist eine solche Entscheidung schwer zu fällen. Ob Medikamente im Falle des Sohnes anschlagen und wie seine Entscheidung ausfällt kann ich nicht beurteilen. Selbst wenn er zu dem Schluss kommt, dass ihm ein Leben auf der Straße mehr Lebenskraft lässt als ein Leben mit gefühlsabtötenden Medikamenten in der Psychiatrie, könnte ich das dann besser akzeptieren. In Frankfurt am Main ist eine zeitweise Zwangsbehandlung für ihn zur Zeit nicht möglich. Vielleicht sollte ich ihn mal in eine S Bahn nach Mainz oder Aschaffenburg setzen.

 

10 Kommentare zu „Wer mit Verrückten arbeitet, wird schnell für verrückt erklärt“

  1. Aus Erfahrung weiß ich, dass es einer Mutter hilft, wenn man das Gefühl hat wahr genommen zu werden. Mit all den Ängsten, Schuld, Hoffnung und Hoffnungslosigkeit und allem. Klingt, als hättest du das für diese Mutter getan. Klingt, als wärst du gut in deinem Job. Danke mal dafür – auch wenn ich jetzt nicht dein Gegenüber war!

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  2. Auch ich denke, dass zuhören ganz oft eine enorme Hilfe ist. Keine Lösung auf Dauer, aber es vermittelt dem Redenden, dass jemand da ist, selbst wenn er „nur“ erklären kann
    Sehr interessant zu lesen und auf eine informative und zugleich lockere Art geschrieben.

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      1. Manche stecken ihre Energie in eine Doktorarbeit, andere kämpfen sich aus ihrer Sucht heraus. Vor beiden habe ich großen Respekt, da es eine herausragende Leistung bedeutet. Die gesellschaftliche Anerkennung dieser Leistungen ist allerdings etwas ungleich verteilt.

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  3. Meine Güte, Schock. Ich bin Krankenschwester und habe hin und wieder mit obdachlosen Menschen zu tun. Manchmal hat man die Gelegenheit zuzuhören, was sie einem sagen und es ist manches sicherlich nicht falsch. Das sie denken, die Gesellschaft wäre verrückt, nicht sie z.B. Es sind sensible Menschen, mit außergewöhnlichen Vorstellungen, auf der Suche nach etwas. Ich verstehe nie, die Härte der sie sich aussetzen, manchmal verstehe ich aber den Ruf der Freiheit, dem sie zu folgen versuchen. Wahrscheinlich hat das auch etwas mit Vertrauen zu tun, das sie lieber auf der Strasse leben. Ich ziehe den Hut vor deiner Arbeit und deinem Engagement, du vermittelst einen sehr guten Eindruck in deine Arbeit und zeigst Menschen am Rande der Gesellschaft, mit Wärme und Verstand.

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