Das Buch Date : Odysseus aus Bagdad

Vier Buchtitel habe ich von Myriade empfohlen bekommen. „Naokis Lächeln“ von Haruki Murakami kannte ich schon. Es war das erste Buch, das ich von ihm gelesen habe und es sollten noch viele folgen. Da sie noch einen weiteren Japaner angepriesen hat, der sogar kürzlich den Nobelpreis für Literatur verliehen bekam, fiel meine Entscheidung spontan auf Kazuo Ishiguro „Alles, was wir geben mussten“. Etwas von einem japanischen Autor liest man ja nicht alle Tage. Murakamis leiser Blick auf seine Landleute und Eigenarten der japanischen Kultur haben mir immer sehr gefallen. Er hat meines Wissens nach länger in Amerika gelebt und es gelingt ihm vielleicht dadurch den westlichen Geschmack zu treffen, da er mit dieser Sicht der Welt vertraut scheint. Ich wollte herausfinden, ob das bei Kazuo Ishiguro ähnlich ist. Ich habe mich gleich in den Katalog der Stadtbücherei eingeloggt, um das Buch zu bestellen. Ich bin ein großer Anhänger öffentlicher Büchereien, obwohl es böse Zungen gibt, die sie mit öffentlicher Toiletten vergleichen. Ok. Es gibt in so manchen Buch merkwürdige Flecken über deren Herkunft man sich besser keine allzu genauen Gedanken machen sollte. Andere Hinterlassenschaften wie Strandsand, getrocknete Pflanzen oder Kassenzettel können die Phantasie hingegen schön anregen. Herr Ishiguro war allerdings bis Anfang Juni vergriffen. Ich musste das Buch bestellen. „Nobelpreis“, das gibt Aufmerksamkeit. Obwohl der dieses Jahr ausfällt. Über die Gründe dafür könnte man eine eigene Geschichte schreiben. Die beiden anderen Bücher „Odyseus aus Bagdad“ von Eric- Emmanuel Schmitt und „Die Schrecken des Eises und der Finsternis“ von Christoph Ransmayr waren verfügbar und befanden sich innerhalb weniger Stunden in meinen Händen. Da ich mich bereits im Frühlingsmodus befand legte ich Eis und Finsternis erst mal zur Seite und wollte mir mit der orientlischen Odysse die Zeit bis zum Eintreffen meines bestellten Buches vertreiben.

Als erstes dachte ich mir: „Was hat ein Herr Schmitt denn über Bagdad zu sagen ?“ und nahm mir den Klappentext vor. Herr Schmitt ist ein Monsieur Schmitt und schreibt auf französisch.  Hier kam ich auch schon an die Grenzen meiner Vorurteile. Mir Franzosen weltläufiger als Deutsche vorzustellen fällt mir nicht schwer. Diese Vorstellung sagt natürlich mehr über mich aus als über die deutsche oder französische Kultur. Einem guten Schriftsteller sollte es eigentlich auch nicht schwer fallen sich Situationen hinein zu versetzen, die er nicht umbedingt am eigenen Leib erfahren hat. Bereits die ersten Seiten ließen mich sämtliche Vorüberlegungen vergessen und fesselte mich sofort. Der Protagonist namens Saad (auf arabisch Hoffnung oder wahlweise traurig auf englisch) charakterisiert hier Georg W. Bush als ignoranten, selbstgefälligen Mann, der zufällig in einem wohlhabenden freien Teil der Welt geboren wurde und so tut als hätte er Amerika nach seinem Abbild erschaffen. Saad lebt mit seinen Eltern und Geschwistern im Irak des Diktators Sadam Hussein. Eindrücklich wird der diktatorische Unterdrückungsapparat und dessen Wirkung auf die Menschen beschrieben. Trotz unterschwelliger Angst und wachsendem Misstrauen arrangiert sich die Familie mit dem Leben. Sie schmiedet Zukunftspläne, pflegt liebevoll Gemeinsamkeiten und ist sogar in Besitz einer Bibliothek, die der Vater aus verbotenener und vor Zerstörung geretteter Literatur zusammengestellt hat. Hier entwickelt sich in Saad eine Sehnsucht nach Freiheit. Sein Sehnsuchtsort bekommt durch Agatha Christie inspiriert einen Namen. „London“. Mit dem Embargo und den Golfkriegen wird Saads Welt schließlich auf dramatische Weise  stückweise zerstört. Er beschließt in einer Mischung aus Hoffnungslosigkeit bezüglich seiner Heimat und aus Verantwortungsbewusstsein für seine verbliebenen Familienmitglieder nach Europa zu fliehen. Der Geist seines Vaters, der irrtümlich von den von ihm verehrten amerikanischen Befreiern erschossen wurde, begleitet ihn fortan. Über den Charakter des Protagonisten war ich mir anfangs etwas unklar. Saad wirkte naiv auf mich ohne dumm zu sein. Er wirkte verletzlich aber war stark wenn es darauf ankam. Er hatte klare und erhellende Ansichten einerseits und war verwirrt und verirrt andererseits. Mit dieser Erzählweise gelingt es dem Autor den Leser und die Leserin in jeder neuen Situation offen für verschiedene Blickwinkel zu halten. Ich habe Saad mit zunehmender Lesedauer lieb gewonnen und konnte meistens Verständnis und Mitgefühl für ihn aufbringen, obwohl er sich von meiner Lebensrealität zunehmend entfernte. Er wandelte sich auf seiner Flucht nach Europa vom Medzinstudenten, zum Lohnarbeiter, Schmuggler, Gigolo, Rowdie, Dieb und Schiffbrüchigen. Er fand Freunde, Geliebte und Verbündete. Er wurde ausgenutzt , eingesperrt und gedemütigt. Im Zwiegespräch mit seinem verstorbenem Vater suchte er Antworten auf die Fragen was macht Heimat, Freiheit, Familie oder Sehnsucht aus. Saad fragt sich mehrmals warum er nicht an dieser oder jener Etappe geblieben ist, die seine wirtschaftliche und persönliche Situation verbessert hatte. Diese Erkenntnis kam meist im Rückblick. Es hatte teilweise den Anschein, dass das Erreichen des Sehnsuchtsortes London zum Selbstzweck für Saad entwickelt hatte. Um altes Leid zu vergessen, bzw. es nicht umsonst gewesen sein zu lassen, nahm Saad immer neues Leid auf sich. Das Beeindruckende für mich daran war, dass es dem Autor gelang bei mir Verständnis für diese irrationale Handlungsweise zu wecken. Die große Stärke dieses Buches ist neben den interessanten Charakteren und den beeindruckenden Schilderungen politischer Hintergründe und Zusammenhänge, sicherlich die nicht wertende Erzählweise von Eric Emmanuel Schmitt, die dem Leser und der Leserin viele Blickwinkel offen läßt. Nicht zu vergessen. Es handelt sich trotz des politisch aufgeladenen und bedrückenden Themas Flucht, um ein unterhaltsames und teilweise sogar lustiges und überraschendes Buch. Wie es sich für eine richtige Odysee gehört, kommen auch Zyklopen und Sirenen zu Wort. Ein wirklich empfehlenswertes Buch.

Als Nachtrag muss ich noch loswerden, dass Herr Ishiguro eher ein Mister Ishiguro ist, da er schon mit sechs Jahren nach England übergesiedelt ist und mir völlig entgangen ist, dass ich schon ein schönes Buch von Eric Emmanuel Schmitt gelesen habe. „Monsieur Ibrahim und die Blumen des Koran“. Eis und Finsterniss haben mit der Hitzewelle auch ihren Schrecken verloren und werden nun gelesen. Das Buch Date war eine spannende Erfahrung. Gerne wieder.

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4 Kommentare zu „Das Buch Date : Odysseus aus Bagdad“

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