Die Waldmenschen. Freiheit statt Betäubung

Es gibt sie noch. Die Menschen, die unserer Zivilisation den Rücken kehren und ihr Leben in der freien Natur verbringen. Trotz meiner romantischen Ader und dem in unseren Kulturkreis weit verbreiteten Drang zur Natur und Liebe zum Wald, wirft das bei mir einige Fragen auf. Ich habe mir diese Fragen auch schon oft beantwortet aber bin nie ganz zufrieden. Was treibt einen Menschen dazu, dauerhaft in einer selbstgebauten Hütte im Wald zu leben? Aus dem Blickwinkel des professionellen Helfers liegt hier meist eine psychische Erkrankung zugrunde. Die Menschen empfinden es häufig als Herabwürdigung als krank bezeichnet zu werden. Und als verrückt möchte niemand abgestempelt werden. Es scheint ein menschliches Grundbedürfnis zu sein, Anerkennung seiner Mitmenschen zu bekommen. Das war in allen Kulturkreisen, die ich bisher kennenlernen durfte, der Fall. In Deutschland definieren sich die Menschen stark über ihre Arbeit und den daraus entstehenden Wohlstand. Ich sehe es an mir selber. Oft habe ich keine Lust zu arbeiten. Ich hüte mich aber davor meine Unlust kundzutun. Es irritiert mich sogar wenn jemand anderes sich als faul bezeichnet, obwohl ich mich in dieser Eigenschaft durchaus wiederfinde. Es fällt mir offensichtlich schwer mich, von Teilen der Kultur in der ich lebe und denen ich kritisch gegenüberstehe,  abzugrenzen.  In der deutschen Geschichte gab es für behinderte Menschen schon negativere Konsequenzen als mangelnde Anerkennung. Wer nicht voll funktionsfähig war und somit keine Leistung bringen konnte, sollte nicht Teil der funktionalen, leistungsfähigen, neuen Herrenrasse nach nationalsozialistischem Vorbild werden. Mit einer Ausgrenzung war es aber nicht getan.  Mit deutscher Gründlichkeit wurde die Ermordung der Menschen, die die gesundheitlichen Kriterien nicht erfüllten, staatlich organisiert. So etwas bleibt natürlich im kollektiven Gedächtnis und prägt bis in die Gegenwart. Leistungsdruck und Versagensängste sind natürlich schon seit der Industriellen Revolution ein Thema und scheinen sich bis zum heutigen Tage kontinuierlich gesteigert zu haben. Dazu passt auch, dass sich bestimmte Diagnosen größter Beliebtheit erfreuen. Nach dem Motto wenn ich schon krank bin, dann wenigsten ein Burnout- Syndrom. Krank durch zu viel Arbeit. Das geht scheinbar noch. Das gibt zwar keine Aussicht auf Anerkennung aber vielleicht wenigstens Mitgefühl.

 

Der Erklärungsversuch hinter dem Phänomen Waldmensch ist also meistens  eine psychische Erkrankung. Es gibt darüber hinaus natürlich auch wirtschaftliche und soziale Gründe. Armut oder mangelnde soziale Netzwerke alleine führen aber nicht zu einem dauerhaften Leben im Wald. Es liegt bei den Menschen oft das Bedürfnis nach Abgeschiedenheit und Ruhe zugrunde. Es war ihnen nicht möglich Teil dieser Gesellschaft zu werden und sie haben sich vor ihr zurückgezogen. Ihnen erschien es einfacher auf Gesellschaft zu verzichten als sich zu ändern. Das ist es schließlich, was von ihnen erwartet wird. Ein Minimum an Funktionalität. Wer stört soll sich behandeln lassen oder verschwinden. Staatliche Eingriffe gegen den Willen der betroffenen Menschen sind glücklicherweise streng gerichtlich reglementiert.  In Deutschland darf man verrückt und obdachlos sein. Das ist eine gute und eine schlechte Nachricht zugleich. Gut, weil der Staat hier keine Gewalt anwenden darf und schlecht, weil Staat und Gesellschaft oftmals hilflos der Selbstzerstörung  psychisch kranker obdachloser Menschen zusehen müssen. Wie soll ich einem Menschen helfen, der der Meinung ist nicht er, sondern alle anderen Menschen seien verrückt geworden? Was tun wenn es stimmt? Wenn die Gesellschaft verrückt geworden ist und sich nicht ändern oder behandeln lassen will? Den Wunsch nach Ruhe und Abgeschiedenheit kann ich bei vielen Gesellschaften erkennen. Überall werden Mauern errichtet und Verbindungen abgebrochen.  Das Vereinigte Königreich lässt sich von der EU scheiden und muss mit Schottland um seine Einheit kämpfen. Die Bürgerinnen und Bürger der Vereinigten Staaten von Amerika wählen einen Präsidenten, weil er verspricht eine Mauer nach Mexiko zu bauen und das Einwanderungsland vor Einwanderung zu schützen. Richtig oder falsch ? Verrückt oder Visionär ? Die Geschichte wird es zeigen. So eine Gesellschaft kann sich nicht so einfach in den Wald zurückziehen und in einem Erdloch verschwinden, obwohl der Leidensdruck steigt. Für den einen oder anderen Menschen ist das aber eine Option. Als ich letztens auf einer sonnendurchfluteten Lichtung vor der Behausung eines Mannes stand, der mir seit Jahren mit zufriedenen Gesichtsausdruck erzählt, dass er genau hier mit seinen Tauben leben möchte und nur ab und zu in die Gesellschaft zurück kommt, um ein wenig Geld zu verdienen, kam ich ins Zweifeln. Nicht an dem was der Mann tut, sondern ich zweifelte an meinem Tun. Vermutlich hat der Mann eine psychische Erkrankung aber er hat für sich einen gangbaren Weg gefunden damit umzugehen. Da sein Leidensdruck mit dieser Lebensweise für ihn gering zu sein scheint, komme ich nicht umhin es zu akzeptieren. Und das Überleben in freier Natur im Winter ist kein Zuckerschlecken. Ich habe nicht wenige psychisch kranke Menschen kennengelernt, deren Leidensdruck durch Medikamente sediert wurde und denen die Lebensfreude auch betäubt war. Freiheit statt Betäubung. Das wäre auch ein gutes Motto für unsere Gesellschaft.

2 Kommentare zu „Die Waldmenschen. Freiheit statt Betäubung“

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