Die Mutation vom Erlöser zum Begleiter

Spätestens mit dem Betreten meines Arbeitsplatzes schlüpfe ich in die mir zugesehene Rolle des Sozialarbeiters. Ich lege sie quasi an wie eine Rüstung. Das klingt jetzt vielleicht dramatischer als es ist aber so eine Geschichte braucht schließlich auch ein bisschen Dramatik. So eine Rollenrüstung ist eine feine Sache sofern sie auch passt. An zu schweren Rüstungen ist schon so mancher Kreuzzug gescheitert. Mist. Jetzt habe ich die ganze Geschichte schon im fünften Satz vermasselt und ganz merkwürdige Bilder im Kopf. Die Kreuzzüge sind am falschen Ziel, an der falschen Haltung und wenn man es technisch betrachten will an den falschen Methoden gescheitert. Konstruktionsfehler oder Schwachsinns Idee sozusagen. Meine Rolle in die ich schlüpfe besteht optimaler Weise aus einem Menschen, der die richtigen Ziele, die dazugehörige Haltung und die zielführenden Methoden zur Verfügung hat. Das gibt es gar nicht glauben Sie? Sie haben recht. Natürlich gibt es Superheld/innen nicht in der Realität. Aber das muss ja keiner wissen. Ich schlüpfe morgens also in mein übertragenes Supermannkostüm. Nein. Das trifft es auch nicht. Aber die Bilder dazu sind lustig. Ich bin schon öfter wegen meiner strumpfhosenartigen Radler Hose ausgelacht worden, obwohl sie sehr praktisch ist. Egal. Was ich eigentlich sagen will und die Leser, die das hier noch nicht weggeklickt haben ahnen es vielleicht, der Mensch in der Krise braucht kein zweites Nervenbündel als Gesprächspartner/in. Das Ziel von Sozialarbeit sollte Hilfe zur Selbsthilfe sein. Die Helfenden sollten die betroffenen Menschen dabei unterstützen ihre problematische Situation zu erkennen und neue Handlungsmöglichkeiten zu eröffnen. Das gelingt am besten wenn persönliche Wertungen, Meinungen oder Ratschläge des Helfenden erst mal außen vor bleiben. Soweit die Theorie. In der Praxis ist das harte Arbeit. Offen und zugewandt bleiben zu einem unsympathischen, aggressiven oder querulatorischen Menschen? Anders geht es nicht. Grundlage aller Methoden der Sozialarbeit ist der positive Kontakt zum Menschen. Da wird ein drohender Unterton lieber nicht persönlich genommen. Die Wut sollte dahin zurück wo sie her kommt. Zum Wütenden. Der kann dann überlegen wo sie herkommt, was sie ihm bringt und ob er sie behalten will. Die Wut kann natürlich auch weiter in die Ferne geleitet werden, wenn der Wütende sie partout nicht zurück möchte. Nur bei mir hat sie nichts verloren. Ich brauche keine fremde Wut und auch keine stellvertretende Diskussion, ob sie gerechtfertigt, gerecht oder auch nur angebracht ist. Sie ist nun mal da und ich schaue, ob daneben noch Platz für was anderes ist. Es liegt in der Natur des Menschen andere Menschen emotional zu bewegen. Das macht das Leben im Grunde genommen erst lebenswert. Jetzt wird man wie gesagt nicht nur von wahren, schönen und guten menschlichen Eigenschaften bewegt, sondern auch vom Gegenteil. Trotz Aufgabe, Rolle und Haltung werde ich manchmal in Richtungen bewegt, die mir nicht passen. Zuweisungen die mir zu groß oder auch zu klein geworden sind. Man wird schnell vom Gegenüber zum großen Bruder oder Vater gemacht. Zum Kind oder Spielgefährten. Zum Geliebten oder Peiniger. Zum Ignoranten oder Retter. Und manchmal merkt man es leider zu spät. Unlängst war ich Erlöser. Eine schmeichelhafte Rolle die gut zu passen schien. Immerhin habe ich jahrelange Berufserfahrung und eloquentes sowie sicheres Auftreten. Mit meinem Gesichtsausdruck könnte ich havarierte Atomkraftwerke steuern ohne die geringste Fachkenntnis. Es würde lange dauern bis es jemand merkt. Der Arbeitstitel hieß selbstverständlich nicht gleich „Erlöser“, sondern wie immer erst mal Unterstützer. Ich war als Motivator zum Menschen mit Problemen gekommen und seltsam bepackt wieder fortgegangen. Eigentlich wollte ich Unterstützer werden, doch die geballte aggressive Hoffnungslosigkeit meines Gegenübers verbunden  mit dem Wunsch nicht zum „Patienten“ gemacht zu werden, hat mich berührt. Ich habe meinem gegenüber etwas abgenommen, was ich ihm lieber zurückgegeben hätte. Ich wollte ihn von meinem Glauben überzeugen, dass es aus jeder aussichtslos erscheinenden Situation einen Ausweg gibt. Ich hatte seine Ausweglosigkeit an mich genommen und kämpfte tapfer dagegen an. Erst mit ihm gemeinsam und später alleine. Ich plante einen langen zähen Kampf gegen die Behörden ohne ihn dabei mitzunehmen. Bis mich die Hoffnungslosigkeit überkam, dass er es schaffen könnte. Da lag ich nun im Bett und konnte wegen einer Hoffnungslosigkeit nicht schlafen, die gar nicht die meine war. Ich hatte einem Erlöser gleich Hoffnung gespendet und Hoffnungslosigkeit auf mich genommen. So gewinnt man weder Kreuzzüge noch Blumentöpfe. Als ehrlicher Finder musste ich die Hoffnungslosigkeit an den Eigentümer zurückgeben und es im Ernstfall aushalten einem Menschen ohne Hoffnung gegenüber zu stehen. Meine Aufgabe hingegen bleibt. Motivation zur Veränderung. Hoffnung als Samenkorn pflanzen, das wachsen kann. Er muss die Hoffnung haben, dass in seinem Leben Veränderung möglich ist und nicht ich. Meine Haltung ist: „Jeder Mensch ist in der Lage frei zu sein und sich zum Positiven zu verändern“. Die Realität sieht manchmal anders aus. Wir Menschen können uns schwer aus unseren Gedankengefängnissen und Verhaltensmustern lösen. Mein Plan ist nun erneut als Motivator zu starten und als Begleiter zu enden. Vom Erlöser zum Begleiter sozusagen. Egal wohin die Reise geht. Die Hoffnungslosigkeit habe ich einstweilen im Fundbüro abgegeben.

Vorsicht: Satire eines fremden Urhebers

6 Kommentare zu „Die Mutation vom Erlöser zum Begleiter“

  1. Ein sehr, sehr aufschlussreicher Text. Eine Freundin von mir war lange Sozialarbeiterin bevor sie Bibliothekarin wurde. Als ich ihr einmal sagte, wie sehr ich es bewundere, dass sie auch bei schwierigsten Themen immer sachlich und freundlich blieb, lachte sie und sagte, dass sie noch ganz andere Dinge als solche über die wir jemals gesprochen hätten ganz freundlich rüberbringen könnte. Schließlich hätte sie nicht umsonst zwei Jahre in einer Haftanstalt für „geistig abnorme Rechtsbrecher“ gearbeitet. Dann habe ich sie noch mehr bewundert 🙂

    Gefällt mir

  2. Ich war ja noch gar nicht fertig 🙂
    Das musste ich auch erst Mal lernen, dass der Schuss ganz schön nach hinten los gehen kann, wenn man das nicht berücksichtigt. Wenn der andere selber gehen soll, dann darf ich ihn nicht tragen. Dann wird er vielleicht nur humpeln oder gar kriechen, wenn das seine Fortbewegungsmöglichkeit ist. Das ist ziemlich schwer, das auszuhalten und nicht vielleicht doch Huckepack…..ich las vor langen Jahren ein Buch: “ Einer trage des Anderen Last“ . Diesen Titel finde ich ganz schön unheimlich…..

    Gefällt 1 Person

  3. Das Aushalten von Entscheidungen anderer Menschen, die man selber als unvernünftig oder sogar für gefährlich hält, gehört zum Beruf einer Sozialarbeiterin und eines Sozialarbeiters. Man sollte aber immer Ansprechpartner bleiben. In privaten Beziehungen mische ich mich viel mehr ein und trage auch mal eine Last mit. Ich bin mit mehr Emotionen dabei und dadurch vielleicht auch mal ungerecht.

    Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s