Das bürokratische Wunder der Erblindung dank schwarzer Pädagogik

Der alte Mann mit dem Federhut und seinem vollbepackten langsamen Fahrrad war eigentlich ein Verkehrshindernis. Die langen grauen Haare wehten im Wind. Da er einen Rock sowie verschieden grobe Perlenketten und Armreifen trug, hätte man ihn leicht für eine Frau halten können, wäre da nicht das deutlich verlebte Gesicht mit den Bartstoppeln gewesen. Er hatte keine Zähne mehr im Mund und wirkte deshalb greisenhaft. Es war glücklicherweise wenig Verkehr und kaum jemand nahm die ungewöhnliche Erscheinung wahr. Seine rasende Wut hatte durch das anhaltende Strampeln auf dem alten Fahrrad nachgelassen. In seinem Anhänger befand sich ein Teil seines Hausrates, den er wutentbrannt und planlos gepackt hatte. Langsam stieg die Müdigkeit seiner Beine durch seinen mageren Körper auf und begann sich als Verzweiflung in seinem Kopf festzusetzen. Was war geschehen ? Wie war er eigentlich hierhergekommen ? Wo befand er sich eigentlich ? Rechts von ihm befand sich ein Fluß und auf der linken Seite erhoben sich Berge. Mutlos ließ er sich einfach in den Straßengraben rollen und langsam vom Fahhrad fallen. Der Anhänger kippte scheppernd um. Seine Kleidung, sein Akkordeon, ein paar CDs und seine Modellflugzeuge verstreuten sich um ihn herum. Ah. Da war ja auch sein Gebiss. Er versuchte es erfolglos zu fassen zu bekommen. Jetzt reichte es. Der alte Mann beschloss hier und jetzt zu sterben. Dem ganzen Elend  zu entfliehen. Er schloss die Augen und ließ sich sinken und wusste nicht wie lange er schon dort gelegen hatte als er die Augen wieder öffnete. Es stand jedenfalls eine ganze Menschentraube mit besorgten Mienen um ihn herum. Eine Frau mit der orangenen Arbeitskleidung des Rettungsdienstes fasste ihn mit Gummihandschuhen am Handgelenk. Sie war hübsch aber er ärgerte sich, dass sie ihn wie ein Produkt betastete. „Wie heißen Sie ? Wissen sie welchen Tag wir heute haben? „. Zuerst waren sie immer besorgt und freundlich und später verachteten sie ihn. Er beschloss trotzig zu schweigen und die Augen wieder zu verschließen. Als die Frau sein Handgelenk los ließ stöhnte er. Zufrieden registrierte er, dass er auf eine Trage gehoben wurde. Sollten sie sich ruhig mal Mühe mit ihm geben. Jahrelang war er rumgeschubst , im Stich gelassen, geschlagen und missbraucht worden.  Sie waren doch Schuld an allem. Sollte es diesmal besser werden ? Sollte er vielleicht nur dieses eine Mal einen wirklich guten und verständnissvollen Menschen treffen ? Hoffnung keimte ihn ihm auf.  Im Krankenhaus ließ er die üblichen Aufnahmemodalitäten und Untersuchungen über sich ergehen. Dem jungen Arzt berichtete er von seinem Herzinfarkt, seiner Sehbehinderung, seinem Schlaganfall und seiner linksseitigen Lähmung. „Auf dem Aufnahmebogen steht, dass Sie einen Fahrradunfall hatten“, stellte der Arzt aufgrund der Krankengeschichte verwundert fest. „Ich kann nur den linken Arm schlecht bewegen. Es ist auch abhängig von der Tagesform“, beschwichtigte der alte Mann. „In meinen Unterlagen habe ich alle Atteste. Wo sind eigentlich meine Sachen ?“. „Die lagern wir im Keller wenn sie Polzei gebracht hat“.

Der junge Arzt ging in der nächsten Zeit streng nach Vorschrift und den Regeln der Medizin vor. Es wurden CTs, MRTs, EKGs und Blutbilder gemacht. Alte Entlassungsberichte, davon gab es einige, ergänzten die Diagnosen. Er war noch jung und wunderte sich über die guten Ergebnisse, die die Technik lieferte, obwohl es dem alten Mann doch so schlecht ging. „Menschen sind nun mal keine Maschinen und die Technik kommt selbst heutzutage noch schnell an ihre Grenzen“, beruhigte er sich. Renommierte Oberärzte verschiedener Kliniken hatten dem alten Mann Herzinfarkte und Schlaganfälle bescheinigt. Er hatte es schwarz auf weiß. Außerdem fing der alte Mann an unangenehm zu werden. Dauernd stellte er seine Kompetenz in Frage nur weil er noch so jung war. Er war einer der Jahrgangsbesten gewesen. Klar fehlte ihm noch die Erfahrung. Seinen Oberarzt wollte er mit diesem Fall nicht behelligen, da es kein Notfall war und keine eiligen Entscheidungen anstanden. Es war wohl eher ein Fall für das Pflegeheim und die Vermittlung dorthin fiel zum Glück nicht in seine Zuständigkeit. Er hatte nur einmal  in Gegenwart des alten Mannes von Kurzzeitpflege gesprochen war überrasschend aggressiv und unflätig von ihm angegangen worden. Er schrieb also seinen Abschlussbericht in dem von Lähmung, Sehbehinderung und vergangenem Herzanfall die Rede war und legte sie seinem Oberarzt zur Unterschrift vor.

Für die Sozialarbeiterin war das ein Routinefall. Ein widerspenstiger alter Mensch, der seine Möglichkeiten falsch einschätzt und auf keinen Fall in ein Pflegeheim möchte. „Altenentsorgung“ nannten sie es hinter vorgehaltener Hand. Das war natürlich etwas zynisch und niemand im Krankenhaus wollte ernsthaft Menschen mit zu entsorgenden Müll vergleichen. Fakt war aber, dass heutzutage alte Menschen zum Sterben hierher gebracht wurden und wenn das zu lange dauerte eine Verlegung in ein Pflegeheim anstand. Die Passivität vieler Angehöriger und die Vorgaben des Kostenträgers beschleunigte die Verlegung erheblich. Der Tod war nirgendwo ein gern gesehener Gast. Den geballten Menschenschicksalen in einer solchen Klinik wie dieser konnte niemand dauerhaft echtes Mitgefühl entgegenbringen. Was blieb war eine professionelle Distanz und eben manchmal eine merkwürdige Art von entlastenden Humor. Alle redeten sich ein, dass es ihren Alten doch gut gehe. Satt und sauber. Man hat ja schließlich auch noch zu arbeiten.

Da es in dem vorliegenden Fall außer den Diagnosen leider wenig Informationen gab, machte sich die Sozialarbeiterin auf den Weg zur Station. Die Zeit für diesen Besuch musste sie von anderen Patienten oder Patientinnen abknapsen. Mehr Entscheidungen nach Aktenlage, sozusagen. Der Patient hieß Hans Jürgen Müller und war nach einem Unfall eingeliefert worden. Er hatte eine lange Krankengeschichte aber weder einen Wohnsitz noch Angehörige. Wenigstens war er krankenversichert. „Guten Tag Herr Müller. Ich bin vom Sozialdienst“. Sie war überrascht einen agilen Mann vorzufinden, hatte sie doch eher mit einem dahinsiechenden Greis gerechnet. „Sag ruhig Johnny zu mir“, antwortete der alte Mann. „Ich möchte gerne mit Ihnen planen wie es weitergehen soll. Dazu müsste ich wissen woher sie eigentlich gekommen sind und wie sie bisher gelebt haben“. „Ich komme aus Houston in Texas. Mein Vater hatte es als Schwarzer nicht leicht, müssen sie wissen. Von ihm habe ich den Jazz im Blut geerbt“. Wieder war die Sozialarbeiterin überrascht. Der Mann vor ihr hatte helle Haut und vermutlich nicht mal seine grauen Haare waren früher dunkel gewesen. „In Ihren Unterlagen ist Wanne Eikel als Geburtsort eingetragen“. „Ja, da bin ich geboren. Mein Vater war amerikanischer Besatzungssoldat“. „Und hatte schwarze Hautfarbe ?“, versicherte sich die Sozialarbeiterin. „Jawohl“, antwortete Johnny und verschränkte trotzig die Arme. Da er zunehmend genervter und aggressiver wirkte beschloss sie das Thema nicht weiter zu verfolgen. „Haben Sie noch Angehörige ?“, fragte sie stattdessen. „Nein. Ich bin ganz allein“, antwortete Johnny verbittert und fügte hinzu: „Sie sind alle abgehauen“. „Wo kommen sie jetzt her ? Ich meine wo haben sie gewohnt“, versuchte die Sozialarbeiterin es weiter. „Sie haben mich in so einem Wohnheim festgehalten und wie ein Kleinkind behandelt“, polterte er los. „Kassieren nur Geld und tun nichts“, schrie er nun fast. „Wo war das denn“, fragte die Sozialarbeiterin in einem möglichst beruhigenden Ton und machte mit den Händen eine Geste als wollte sie eine laute Kindergartengruppe zum Schweigen bringen. „Ich glaube in Friedland oder war es Freising ?“, sinnierte Johnny. Die Sozialarbeiterin klappte resigniert ihre Unterlagenmappe zusammen. „Gibt es denn niemanden an den sie sich erinnern ? Wovon leben sie denn ?“ Ein Strahlen ging über sein Gesicht als er antwortet: „Ich mache Straßenmusik. Früher war ich Zirkusdirektor und Raubtierdompteur“. Sie wandte sich bereits zum Gehen als er ihr eine Visitenkarte überreichte. Regionale Beratungsstelle Fonds Heimerziehung war dort zu lesen, mitsamt einer Telefonnummer einer Mitarbeiterin. „Wer ist das ?“, fragte sie neugierig. „Die Frau war nett. Sie hat mir 20000 € versprochen für die Zwangsarbeit, die ich im Kinderheim leisten musste“, erklärte er.  „Wieder so eine Geschichte“, dachte sie sich und legte die Karte auf den großen Stapel auf ihren Schreibtisch. Der Rest war Routine. Sie fragte Pflegeeinrichtungen im Umkreis nach Pflegplätzen ab und eröffnete dem alten Mann, dass er demnächst verlegt würde. Ihm schien das gar nicht zu gefallen, denn in den nächsten Tagen meckerte und quengelte er am Klinikpersonal herum. Mit manchen, die ihn zuhörten und seine Angriffe nicht persönlich nahmen verstand er sich etwas besser. Es entstand sogar so etwas wie ein kleiner Wettbewerb, wer mit diesen schrägen Vogel am besten kann, doch der Klinikalltag ließ nicht viel Zeit für solche Experimente. Es gab sogar etwas Streit, da manche das alles für Zeitverschwendung hielten und ihn einen Querulanten schimpften, andere wiederum gerne den verrückten Geschichten lauschten und der Abweichung einen Platz im Leben einräumen wollten. Am Tag der Verlegung erhielt Hans Jürgen Müller seinen neusten Entlassungbericht, den er wie eine Trophäe entgegennahm. Alle schienen erfreut, dass ein Unruheherd weniger brennen sollte. Das Team des Krankentransports wartete jedoch vergeblich auf seinen Patienten. Auf dem Weg von der Station zum Wagen wollte er kurz austreten und war verschwunden. Die Fahrer suchten ganze 45 Minuten nach Herrn Müller. Diese Zeit hätten sie schließlich auch für den ordnungsgemäßen Transport in die Residenz Sonnenhügel ins Gewerbegebiet am Stadtrand benötigt. Sie meldeten dort schließlich, dass der Patient nicht kommen würde und gaben dem Sozialdienst die übriggebliebenen Unterlagen zurück. Da die Station Herrn Müller ordnungsgemäß entlassen hatte wollte sie dort niemand. Die Sozialarbeiterin legte sie also auf ihren rapide ansteigenden Schreibtischstapel, wobei ihr wieder die Visitenkarte in die Hände fiel. Da sie sich das Verschwinden des alten Mannes nicht recht erklären konnte und ein wenig neugierig war, rief sie dort an: „Guten Tag. Klinik rechts des Rheins. Ich habe Ihre Karte von Herrn Hans Jürgen Müller erhalten. Er ist leider verschwunden und ich bin ein wenig besorgt. Wissen sie vielleicht wohin er gegangen sein könnte?“. Ach, der Johnny. Von dem habe ich seit ein paar Wochen nichts gehört. Der braucht immer mal wieder eine Auszeit und zieht los.“ Verdutzt fragte die Sozialarbeiterin: „Er gab an obdachlos zu sein und keine Angehörigen zu haben“. Die Angerufene berichtete: „So weit ich weiß lebt er in einem Wohnheim in der Eiffel aber da wird es ihm  nach einiger Zeit immer wieder zu eng und er zieht los. Dauernd rufen Obdachlosenasyle oder Kliniken an und erkundigen sich nach ihm, da er dort unterkommt. Aber er findet immer wieder den Weg nach Hause zurück. Mit seinem Schwerbehindertenausweis kann er Deutschlandweit kostenlos umherfahren. Ich habe ihn im Rahmen der Entschädigung für ehemalige Heimkinder beraten, deshalb bin ich ihm wohl so gut in Erinnerung geblieben. Er hat damals einen Batzen Geld bekommen. Das war früher auch wirklich ein absolut berüchigtes Kinderheim in dem er gewesen ist. Üble Schläge und Misshandlungen. Die Kinder wurden teilweise eingesperrt und das Personal bestand teilweise aus ehemaligen SS- Leuten, die nach dem Krieg in anderen Berufen keinen Fuß mehr fassen konnten. Nach dem Menschenbild dieser Erziehungsanstalten brauchen Sie gar nicht erst fragen. Gruselig. Schwarze Pädagigik. Kann ich nur sagen.  Für die Schäden die die Menschen dort erlitten haben gibt es keine angemessene Entschädigung. Das Geld ist eigentlich nur ein Stück gesellschaftlicher Wiedergutmachung“. Nach dem Gespräch sah die Sozialarbeiter noch lange den Telefonhörer an, als ob dieser den Erklärungen noch etwas hinzufügen könnte. Die Zeit würde sie bei anderen Patienten abknapsen müssen.

Der alte Mann saß wieder im Sattel und versuchte gleichzeitig mit seinem alten Handy zu telefonieren. Als er schließlich jemanden erreichte rief er erfreut: „Hallo Herr Direktor. Hier ist der Johnny. Du hast recht gehabt. So ein Altenheim ist nichts für mich, trotz der der rund um die Uhr Pflege durch Krankenschwestern. Die kümmern sich gar nicht richtig um einen. Bei der Ganzkörperwäsche haben sie immer einen Mann geschickt. Als wenn ich schwul wäre. Ich komme jetzt nach Hause. Auf Dich ist verlass. Du läßt mich als einziger mich nicht im Stich. Rat mal was ich für eine neue Diagnose bekommen habe. Ich bin jetzt sehbehindert. Eigentlich sogar blind. Der Arzt war aber blutiger Anfänger. Keine Sorge ich fahr auch ganz langsam. Vielleicht können wir jetzt Blindengeld beantragen ? Wie ? Ja Du hast recht. Ich komm jetzt erst mal Heil nach Hause und dann sehen wir weiter. Ist mein elektrischer Rollstuhl noch da ? Prima. Bis dann.

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