Therapie ohne Medikamente

Er saß leicht gekrümmt mit sich selbst redend da und fixierte schon sehr lange einen Punkt vor sich. Es war eigentlich eher ein Gebrabbel, das zwischen freudig erregt, empört, aggressiv und albern hin und her wechselte. Er war sehr beschäftigt mit sich und hatte keine Augen für seine Umwelt. Ab und zu wurde er angesprochen ohne zu reagieren und sollte es jemand wagen ihm zu nahe zu kommen oder gar zu berühren, ließ der flackernde irre abweisende Blick den Störenfried sofort verstummen und das Weite suchen. Er hatte sich heute Morgen weder gekämmt noch gewaschen und sah entsprechend wild aus. Er trug nur ein T Shirt, Boxershorts und eine Art Sandalen, was wegen des Sommers nicht ungewöhnlich war. Beim Näherkommen stieg einem jedoch ein unangenehmer Schweißgeruch und die Nase und die Flecken auf der Kleidung waren nicht mehr zu übersehen. Das Innenleben des Mannes stand jedoch in einem krassen Gegensatz zu seiner äußeren Erscheinung. Er erlebte Abenteuer und wurde mit ständig neuen Ideen und Sichtweisen konfrontiert. Die Stimmen und Kommentare schossen nur so durch seinen Kopf aber überforderten ihn leider. „Steh auf und sag Deine Meinung. Hilf diesem armen Menschen. Zeig Verantwortung. Sei nicht so träge. Du bist auch nur ein Versager“, wurde er von ihnen beschimpft und angestachelt. Teilweise wurde er von den Stimmen einfach missachtet. Auch darunter litt er. Es gab aber auch Schönes in seinem Kopf, bis hin zum Größenwahn. „Das hast Du gut gemacht. Selten so gelacht. Du bist einfach der Größte“. Dafür lebte er. Er war so gefangen in seiner Welt, dass er in diesem Zustand nicht mehr in der Lage war zielgerichtet am realen sozialen und gesellschaftlichen Leben teilzunehmen. Er litt unter dem Druck zu kommunizieren, obwohl ihm schon ein bisschen klar war, dass das alles nur virtuell und nicht real war. Er glaubte jedoch manchmal nichts anderes zu haben. Der weitere Verlauf dieses traurigen Lebens schien vorgezeichnet. In so einem Zustand konnte er nicht mehr arbeiten. Arbeitslosigkeit. Seine Familie und Freunde würden sich über kurz oder lang von ihm abwenden. Einsamkeit ohne soziales Netzwerk. Seine Phantasiefreunde würden ihm im realen Leben nicht helfen können. Ohne Geld und Hilfe würde die Obdachlosigkeit folgen. Selbst für die Inanspruchnahme soziale Hilfen benötigt man ein Minimum an Realitätsbezug. Die Psychiatrie könnte eine Lösung sein. wenn er nur krankheitseinsichtig wäre und Medikamente nehmen würde. Die Fachkräfte wurden ihn dann irgendwann „Eigenweltlich im Sinne einer psychischen Erkrankung“ nennen und ihn dann je nach Arbeitsansatz mit Medikamenten sedieren oder wenigstens Minimal mit dem Überlebenswichtigen versorgen. Momentan saß der Mann aber einfach nur da und es gab glücklicherweise niemanden der sich groß daran störte. Niemand wollte ihn versorgen oder sedieren. Es hätte noch eine ganze Weile so weiterlaufen können und das Schicksal hätte, wie gesagt, seinen Lauf genommen. An diesem Punkt geschah jedoch etwas absolut unglaubliches. Von einer Sekunde auf die andere verstummten alle Stimmen, Ideen, Plagegeister und Beschimpfungen. In ihre Stellen begab sich stattdessen eine große schwarze Leere. Der Mann richtet sich abrupt auf und war in kurzer Abfolge überrascht, enttäuscht, verärgert und erleichtert. Was blieb war eine schwarze Leere, die eine kristallklare gottesgleiche singuläre Stimme durchdrang. War er tot? Langsam kehrte er in die Realität zurück und nahm nach und nach die Einzelheiten seiner Umwelt war. Jetzt konnte er auch den Sinn der Worte, die diese Stimme sprach, erfassen. Wie durch ein Wunder zog sie ihn aus den Tiefen seines virtuellen Phantasiekosmos in die analoge reale Welt zurück.

„Schatz, Deine Computerzeit ist jetzt vorbei. Ich habe einfach mal den Stecker gezogen. Dein Sohn muss jetzt vom Fußball abgeholt werden und bring bitte Milch mit“, sprach die Stimme.

Der Mann wendete sich leicht benommen vom schwarzen Monitor ab und mutierte innerhalb weniger Minuten zum vollfunktionsfähigen Leistungsträger der analogen Welt. Geheilt entlassen brachte er den Müll raus und schritt zu neuen Taten.

Bis zum nächsten Blog. Dann fing das Elend von neuen an.

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