Sozialarbeiterprosa III Staubsaugervertretergefühle

Manchmal komme ich mir in meinem Job vor wie ein Staubsaugervertreter. Dazu muss man wissen, dass ich Straßensozialarbeit betreibe und zu Menschen gehe, die unserem Sozialstaat sozusagen den Rücken zugedreht haben. Eben dieser Sozialstaat steht dann in Form von mir vor ihnen und versucht sie für seine Segnungen zu begeistern. Da kommt man manchmal gerade so gelegen wie die Zeugen Jehovas. „Moment mal“, denkt sich hier der geneigte Leser und die ebenso, wenn nicht sogar noch viel mehr, geneigte Leserin. Es ist doch überall von überlasteten Sozialbehörden und überbordenden Ausgaben für Sozialleistungen zu hören. Gibt es denn wirklich noch Menschen, die nicht wissen, wie und wo sie Hilfe bekommen können? Die Jobcenter und Sozialämter sind meiner Wahrnehmung nach teilweise wirklichen Anstürmen ausgesetzt. Jetzt ist so eine Sozialbehörde kein Supermarkt, der über Anstürme von Kundinnen und Kunden entzückt wäre und ruckzuck sein Angebot erweitern würden, sondern eine Behörde mit einem Budget. Da wird im Voraus geplant was man zu leisten gedenkt und was das kosten soll. Schwer vorstellbar, dass ein Supermarkt so funktionieren könnte. Jetzt bestimmt sich das Budget und Angebot eines Supermarktes durch das Geld, dass die Kundinnen und Kunden dorthin bringen. Womit wir beim zentralen Punkt wären. Die Menschen die in eine Sozialbehörde gehen bringen kein Geld mit. Im Gegenteil.  Deshalb engagiert ein Supermarkt auch keinen Sicherheitsdienst, der Einlasskontrollen durchführt wenn ein Kundenansturm vermutet wird. Es werden auch keine Öffnungszeiten reduziert oder systematisch die Erreichbarkeit des Personals eingeschränkt, indem keine Durchwahlnummern oder E- Mail Adressen veröffentlicht werden. Sozialbehörden tun so etwas aber. Da hat so mancher krisengeschüttelte Mensch, der mit dem Kopf durch die Wand wollte, sich eben diesen Kopf an verschlossenen Türen der, ein oder anderen, Behörde eingerannt. Im Umgang mit Sozialbehörden ist Gewitztheit, Kommunikationstalent und ein gewisser bürokratischer Organisationsgrad notwendig. Vor allem letzterer fehlt den Menschen mit denen ich zu tun habe des Öfteren. Das Leben auf der Straße verlangt einen hohen Organisationsgrad. Dieser ist aber nicht bürokratischer Natur. Hier komme ich, bzw. mein Berufsstand nun ins Spiel. Wir nennen die Menschen mit denen wir uns befassen nicht Kunden oder Kundinnen, denn sie haben meist kein Geld, um etwas zu kaufen. Wir nennen sie auch nicht Patienten, da wir sie nicht heilen oder da sie vielleicht gar nicht krank sind.  Wir nennen sie nicht Opfer aber manchmal Betroffene. Wovon eigentlich ?  Von Sozialarbeit ? Sie haben kein Geld aber einen Rechtsanspruch auf Unterstützung. Wenn sie sich mit uns einig werden, dass sie sich bei der Durchsetzung dieser Rechtsansprüche von uns helfen lassen, nennen wir sie Klientinnen und Klienten.  Ok. Ich gebe es zu. Wir nennen sie immer Klientinnen und Klienten. Aber im Supermarkt ist ja auch jeder Kundin oder Kunde, ob er etwas kauft oder nur schaut.

Nach dieser schrecklich interessanten und lehrreichen Ausführung können wir nun zum Staubsauervertretergefühl zurückkehren. Staubsaugervertreterinnen und Staubsaugervertreter sind keine gern gesehene Gäste. War das mal anders? Gab es eine Hochzeit für Staubsaugervertreterinnen und Staubsaugervertreter? Vielleicht in der Konsumwelle der Nachkriegszeit als noch nicht jeder Haushalt mit allem möglichen Kram vollgestopft war? Egal. So ein Qualitätsstaubsauger dieser Firma, die nur über Vertreterinnen und Vertreter vertreibt, saugt wirklich ganz hervorragend und man kommt ausgezeichnet unter Sofas und selbst in engste Ecken. Gelingt es der Staubsaugervertreterin, bzw. dem Staubsaugervertreter die Kundinnen und Kunden von diesen Vorzügen zu überzeugen, hat sie, bzw. er eine Chance sein Produkt zu verkaufen. Dazu muss sie, bzw. er mit ihnen in Gespräch kommen. Womit wir bei meiner Hauptbeschäftigung angelangt werden. Ich versuche mit meinen potentiellen Klientinnen und Klienten über Hilfeangebote ins Gespräch zu kommen. Hilfeangebote oder soziale Dienstleistungen, wie zum Beispiel ein Wohnheim mit Sozialdienst. Wohnheime sind leider ebenfalls nicht organisiert wie ein Supermarkt. Aus bereits erwähnten Gründen sind sie leider eher wie Sozialbehörden organisiert und werden durch diese schlussendlich auch finanziert. Spätestens hier wird mein Staubsaugervertreterbild schief. Habe ich meinen Kunden am Wickel und für mein Produkt begeistert, wäre ich als Staubsaugervertreter erfolgreich gewesen. Als Straßensozialarbeiter fängt die ganze Arbeit für mich auf der Seite der sozialen Institutionen wieder an. Was hat der Klient für Problemlagen? Kann er glaubhaft versichern  mitarbeiten zu wollen? Ist er tragbar für die Einrichtung? Stimmt der Kostenträger zu? Er soll um 8 Uhr persönlich vorsprechen. Sind wir zuständig? Sucht oder Psychose? Ist er sympathisch, so unter der Hand? Messie Syndrom, oh nee haben wir schon drei Stück. Oft heißt es nur keine Kapazitäten. „Mercedes Benz hat auch mehrere Monate Bestellzeit“, munkelt man. Ich hab noch nie einen bestellt. Zynismus?  Wenn ich mir das Produkt, das ich an den Mann, bzw. die Frau bringen soll anschaue, beneide ich jede Staubsaugervertreterin und jeden Staubsaugervertreter. Ich bin eher so der Trabantverkäufer im Intershop. Herausfordernder und anspruchsvoller Kundschaft biete ich unflexible Produkte aus der Mangelwirtschaft an. Oft fungiere ich als Vermittler oder gar Übersetzer. Behörde = Mensch und Mensch= Behörde. Prima Idee für ein Wörterbuch. Spricht Du behördisch? Nö, ich kann nur ein bisschen Mensch.

2 Kommentare zu „Sozialarbeiterprosa III Staubsaugervertretergefühle“

  1. Heute habe ich es auch „geschafft“ bei dir reinzuschauen. Das werde ich sicher öfter machen. Abgesehen davon, dass ich den Inhalt sehr interessant finde, mag ich deine Art zu schreiben.
    Herzliche Grüße

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