Freizeitpark und kein Vorstadtidyill

Die Minigolfbahn war gerade erst neu eingeweiht worden. Wir Kinder saßen auf dem Mäuerchen, die das Gelände einfasste und beobachteten ehrfürchtig die Männer mit ihren Lederjacken und coolen Sonnenbrillen. Es gab gleich mehrere die Golftaschen mit verschiedenen Schlägern und silberne Koffer mit bunten Golfbällen hatten. Mit absoluter Präzision und in ruhigen Bewegungen gingen sie ihrer Tätigkeit nach. Ihren Mienen nach zu urteilen, konnte hier von Spiel keine Rede sein. Ein korpulenter Spieler kniete sich hin und betastete verschiedene Bälle, die sich in seinem vor ihn liegenden Koffer befanden. Seine enge Jeans rutschte dabei herunter und gab etwa die Hälfte seines Hinterns frei. „Es gibt für jeden Untergrund einen anderen Ball“, wusste jemand zu berichten. Er war schon zwei Jahre älter als wir anderen und entsprechend erfahren. Der Mann versuchte sich wieder aufzurichten und geriet dabei etwas ins straucheln. „Das ist bestimmt ein Profi“, munkelten wir. „Der verdient bestimmt einen Haufen Kohle“.
Mit der Eröffnung der Bahn war der Freizeitpark unseres Stadtteils fertiggestellt worden und die große weite Welt mit ihren Neuerungen hatte Einzug gehalten. Unsere kleine Gemeinde bestand eigentlich nur aus zwei Stadtteilen. Zwei ehemalige Dörfer, die im Nachkriegswirtschaftswunder rasant gewachsen waren und durch einen Zwangszusammenschluss genug Bewohner für das Stadtrecht erhalten hatten. Die Einwohnerzahl hatte sich in den letzten zehn Jahren vervierfacht, da die örtliche Maschinenfabrik mittlerweile Weltmarktführerin in ihrem Segment geworden war und die nahen Großstädte des Ballungsgebietes genügend Arbeitsplätze schufen ohne gleichzeitig als Wohnort attraktiv zu sein. Alle wollten auf dem Land leben oder was sie dafür hielten. Die Stadtoberen, es waren nur Männer, ahnten wohl, dass ein Dorfplatz und ein paar Kneipen nicht genügend Infrastruktur für über zwanzigtausend Menschen bot und planten ein großes Schwimmbad, ein modernes Rathaus mit Saal und Bücherei im Keller, sowie einen Freizeitpark mit Kiosk, Minigolf- und Rollschuhbahn. Eben dieser Freizeitpark bedeutete für uns die große Freiheit. In den nahen Freizeitpark durfte man ohne die Erwachsenen und bekam schon für 5 Pfennig ein Gummibärchen oder ein Bonbon nach Wahl am Kiosk, sofern sich der Besitzer dazu herabließ für solch geringen Umsatz sein Fensterchen zu öffnen. Der Kiosk hätte in der nahen Großstadt Trinkhalle geheißen. so ein profaner Name passte aber nicht in unser Vorstadtidyll. Es gab zwar einen Gastraum mit Selbstbedienung im hinteren Teil, in dem die Männer aufrecht hineingingen und manchmal auf allen vieren wieder herauskamen, dieser war aber nur verschämt über eine Hintertüre erreichbar. Der vordere Teil war offen zur Straße gestaltet und bot mit seinem kleinen Brunnen vieles was uns Kinder verweilen ließ.

Ein Besuch auf der Rollschubahn verlief allerdings nicht so wie geplant. Wir waren eine Gruppe von vier bis fünf Kindern, die ihre neuen Rollschuhe ausprobierten. Ich konnte gerade ein bisschen geradeaus fahren ohne hinzufallen als eine Gruppe von zwanzig Jungs ankam. Sie spielten fangen auf der Bahn und waren recht fröhlich. Wir beachteten sie gar nicht und gurkten so durch die Gegend als ein dicker dunkelhaariger Junge zu mir kam, mich zu Boden stieß und fürchterlich dabei lachte. Überrascht versuchte ich aufzustehen und wurde erneut umgestoßen. Es bildete sich ein kleiner schallend lachender Kreis um uns. Meine sogenannten Freunde hatten Reißaus genommen und ich sah mich einsam diesem lachenden Idioten gegenüber. Er schaute Beifall heischend in die Runde und achtete nicht mehr auf mich. Langsam spürte ich eine Wut aufsteigen, die ungeahnte Kräfte in mir zum Vorschein brachte. Ich war flink auf den Beinen und verpasste dem Jungen einen Tritt in dem Bauch. Dieser klappte jammernd zusammen und lag schließlich zusammengekrümmt vor mir. Alle schwiegen und sahen mich überrascht an. Das wäre wohl der Moment gewesen, um zu rufen: „Wer will als nächstes auf die Fresse ?“ und erhobenen Hauptes davonzuschreiten. Danach ist man immer schlauer und die passende Antwort fällt einem sowieso meist zu spät ein. Ich fing jedenfalls einfach an zu weinen und gab somit das Signal für einen Spießrutenlauf durch den gesamten Park. Ein Haufen Jungs die mich johlend und schimpfend davon jagten. Zuhause fuhr mein großer Bruder mit seinen Freunden im Hof Fahrrad. Sie schienen sich zu langweilen und fragten mich deshalb warum ich denn flenne. „Die haben mich verprügelt“, jammerte ich. Der Freund meines Bruders wollte es genau wissen: “ Wie sahen die aus?“ Sein kleiner Bruder gehörte übrigens zu meinen Begleitern, die mich in Stich gelassen hatten. Kleine Brüder stehen nie hoch im Kurs und neigen eher dazu zu nerven. Diesem großen Bruder schien der Sinn eher nach Action als nach Gerechtigkeit. „Das war so ein Dicker mit Dunklen Haaren“, antwortete ich. „Das waren bestimmt die Türken“, lautete seine Diagnose. Es gab in unserer schmucken Kleinstadt sehr wenige heruntergekommene Häuser. Diese wurden oft von Einwanderern der neusten Generation bewohnt. Diese hießen offiziell Gastarbeiter und waren vermutlich türkisch. Wir fuhren nun Richtung Freizeitpark, um unser Territorium zurückzuerobern. Die Rollschuhbahn war mittlerweile verwaist und alle schienen schon ein wenig enttäuscht als ein dunkelhaariger Junge durch den Park lief. Er war schmal und ich erkannte ihn aus der Gruppe nicht wieder. Die Großen riefen: „“Schnappt ihn Euch“ und die gesamte Fahrradkolonne stürzte sich auf den Jungen. Einige meiner treulosen ehemaligen Begleiter hatten sich uns mittlerweile angeschlossen, so dass wir eine furchteinflößende Menge darstellten. Der Haken an der Sache war nur, dass dieser Junge nichts getan hatte. Ich versuchte meinen Bruder noch zurückzuhalten, möglicherweise etwas zu halbherzig, doch er zuckte nur mit den Schultern. Es musste Macht demonstriert und ein Anteil am Park verteidigt werden. Wieder wurde ein Junge johlend aus dem Freizeitpark vertrieben. An der Rollschuhbahn hatte ich anschließend keine rechte Freude mehr.

Wenig später kam eine technische Neuerung im Freizeitpark an, die allerdings weitreichendere Konsequenzen hatte als ich ahnen konnte. Zwei kühlschrankgroße Spielcomputer wurden vor dem Kiosk aufgestellt. Mannshohe Kühlschränke, wie es sie damals nur in den amerikanischen Filmen gab. Die Geräte hatten einen Bildschirm, verschiedene Knöpfe und Hebel und einen Münzeinwurf. Eine Mark Einsatz war mir der Spaß nicht wert und so blieb ich wie die meisten Kinder nur Zaungast wenn die älteren Kinder und die Jugendlichen spielten. Es bildeten sich immer Menschentrauben um den Spieler oder die Spielerin. Ich konnte stundenlang zusehen wie die Männchen über Fässer hüpften oder Gänge gruben, um Punkte zu sammeln. Einzelne Jugendliche warfen da im Laufe des Nachmittags zehn Mark und mehr ein. Ich machte mir keine Gedanken darüber woher sie das Geld hatten, bis sich ein Typ mit einer braunen Lederjacke vor mir aufbaute und mich mit seinem Blick fixierte. Ich wollte an ihm vorbeigehen, doch er packte mich plötzlich am Kragen und sagte: „Ich krieg noch Geld von Dir“. Ich kannte ihn vom Sehen, hatte aber nie mit ihm gesprochen, geschweige denn Geld von ihm bekommen. „Das stimmt doch gar nicht. Warum..“, stimmte ich zum Protest an und wurde unwirsch mit einem kräftigen Zug am Kragen zum Schweigen gebracht. Der Typ war zwei Köpfe großer und zeigte keinerlei Nervosität. Er schaute grimmig und sagte: „Natürlich bekomme ich noch vier Mark von Dir oder willst Du mich verarschen?“ Er schien eine gewisse Routine zu haben und sein Handwerk eher in der Realität als im Fernsehen erlernt zu haben. Ich stand noch unter Schock und sah mich hilfesuchend um. Alle umstehenden Kinder und Jugendlichen sahen angestrengt in die andere Richtung oder es war ihnen tatsächlich egal was mit mir geschah. Wegrennen ging nicht, da er mich festhielt. Was tun? „Gib mir dein Portemonnaie“, half er mir. Ich gab ihm meine leere Geldbörse und erklärte entschuldigend: „Es ist leer ich habe kein Geld“. Er machte ein Gesicht als ob er in Hundescheiße getreten wäre und fragte: „Was soll ich jetzt mit Dir machen?“ Langsam fühlte ich mich wirklich als hätte ich ihn um sein gutes Recht betrogen und sagte schnell: „Behalt das Portemonnaie als Pfand. Ich bringe Dir morgen das Geld“ Er überlegte kurz und ließ schließlich mit einer Drohung von mir ab: „Wenn Du mir morgen das Geld nicht bringst kannst Du was erleben. Ich schlich erleichtert davon und habe jahrelang keinen Schritt mehr in den Park gemacht.

Den Freizeitpark gibt es meines Wissens nach noch immer. Vermutlich ist er immer noch ein Spiegelbild unserer Gesellschaft und Schauplatz menschlicher Abgründe oder auch ehrlicher Freude. Mal rechtsfreie Zone, mal Treffpunkt für gemeinsamen Genuss, gemeinsame Freude und menschliches Miteinander. Das letzte Mal habe ich ihn in den neunziger Jahren des letzten Jahrhunderts besucht. Die Rollschuhbahn hatte eine teilweise Überdachung erhalten unter der gebrauchte Spritzen lagen. Am Kiosk kauften immer noch Kinder ihre gemischte Tüte und Computerspiele trug man mittlerweile in der Tasche mit sich. Die Stadtväter, es waren immer noch ausschließlich Männer, hatten sich einen schmissigen Slogan für das Städtchen ausgedacht. „Eine liebenswerte Kleinstadt“. Echte Liebe ist bekanntlich bedingungslos.

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