Schraube locker und Speisung mit Hindernissen,ein DDR Reisebericht VI

 

Wir waren mit unserem Talbot auf dem Weg zu einem Restaurant als eine Streife der Volkspolizei am Straßenrand auftauchte. Der Polizist hob die Hand und winkte uns heraus. Wieder brach Hektik und ein Anflug von Panik aus. Staatliche Ordnungshüter waren für gewöhnlich nichts was meine Eltern beunruhigte. Ganz im Gegenteil. Sie waren der Ansicht, dass alles nach Recht und Ordnung verlaufen sollte und hatten ein großes typisch deutsches Grundvertrauen in den Staat, das sie auch auf mich vererbt hatten. „Wir haben ja nichts zu verbergen“, wie man so schön sagt. Das bei genauerer Betrachtung jeder so seine Leichen im Keller hat ist mir erst später bewusst geworden und ein ganz anderes Thema. Diesen Staatsvertretern schienen sie nicht über den Weg zu trauen. Der Volkspolizist kam langsam mit seiner Kelle auf uns zu. Er ließ sie wie einen Schlagstock in die Handfläche sausen. „Oh je, jetzt sind wir dran“, jammerte Mutter und kurbelte das Seitenfenster herunter. „Guten Tag die Fahrzeugpapiere bitte“, sagte der Uniformierte und grüßte indem er seine Hand an seine Mütze hob. Interessiert blätterte er in unseren Pässen. „Ich habe sie angehalten, da ihr linker vorderer Scheinwerfer nicht funktioniert“. „Das ist unmöglich, der Wagen ist ganz neu“, entgegnete Mutter und schien schon während des Sprechens zu ahnen wie sinnlos die Entgegnung war. Der Volkspolizist sah sie nur wissend an und belehrte sie: „Dieses Fahrzeug scheint nicht für unsere Straßen ausgelegt zu sein. Hier gibt es schon die ein oder andere Unebenheit“, fügte er lächelnd hinzu. Vielleicht meinte er die bombentrichterartigen Schlaglöcher auf den Straßen? „Beim Trabbi lösen sich auch immer mal Birnchen. Da muss man einfach mal ordentlich draufhauen und dann geht das wieder“. Er machte eine ausholende Geste und meine Eltern schienen die Luft anzuhalten. Mit einem nachdenklichen Blick ließ er seine Hand langsam sinken und sagte: „Fahren Sie mal in die Werkstatt und lassen das machen“. Er schien offensichtlich der Meinung, dass Mensch und Material im real existierenden Sozialismus einfacher und härter waren. Vielleicht hielt er die Produkte des Kapitalismus für zu verweichlicht und verspielt. Vielleicht war es aber auch ganz anders. „Ich wünsche Ihnen eine gute Weiterfahrt“. Er beendete er das Schauspiel mit einem weiteren lässigen militärisch anmutenden Gruß und ging zu seinem Wagen zurück. Großes Aufatmen und Freude, ohne Beule aus der Sache herausgekommen zu sein.

Das Restaurant war eines der Besseren vor Ort. Es war in einem Haus aus der Gründerzeit untergebracht und wirkte recht schick. Über eine Treppe erreichte man den Speisesaal in denen weiß gedeckte Tische standen. Kaum ein Tisch war besetzt und ich suchte mir im Gedanken schon einen schönen Platz aus, als ein Kellner mit weißem Hemd auf uns zukam. Mein Onkel tuschelte mit ihm und fuchtelte dabei wild mit den Händen. Schließlich kehrte er zu uns zurück und sagte: „Ihr macht jetzt mal einen schönen Spaziergang“. Wir sahen uns alle fragend an. „Wir müssen noch ein bisschen warten. Ich übernehme das und Ihr schaut Euch die Stadt an“. Wie ein Haufen lustloser Jugendliche trotteten wir hungrig durch die Stadt während mein Onkel den Platzhalter spielte. Nach etwa einer Stunde kehrten wir in das Restaurant zurück. Auf der Treppe stand nun eine ganze Menschenschlange. Ganz vorne mein Onkel. Das Restaurant war immer noch halbleer. Wir gingen an der Schlange vorbei und ernteten den ein oder anderen bösen Blick. Als wir zu unserem Tisch geführt wurden war mir der Appetit schon gründlich vergangen. Meine Eltern waren auch in einer trotzigen Meckerstimmung, ob der Zumutungen, die einem zahlenden Gast hier wiederfuhren. Heute würde man sagen typische „Wessi“ Arroganz. Die Begriffe „Wessi und „Ossi“ waren uns damals aber noch fremd. An das Essen kann ich mich gar nicht mehr genau erinnern. Es war für unsere Verhältnisse günstig, wie fast alles was man in der DDR kaufen konnte. Wenn man denn wusste wo und wann es verkauft wurde.

Unser Besuch in der Ostzone, wie meine Oma die DDR hartnäckig zu nennen pflegte, neigte sich dem Ende. Ich hatte noch 10 Ostmark mit denen ich bislang nichts kaufen konnte. Ich ging kurzentschlossen zum nahen Tante Emma Laden. Es war ein kleiner Laden mit langer Theke hinter der zwei Frauen standen und einem Regal mit Waren im Hintergrund. Ähnliche Läden hatte es bei uns im Westen bis Ende der Siebziger Jahre auch noch gegeben. Mit etwas weniger Personal allerdings. Auf der Theke entdeckte ich mehrere Tafeln mit Schokolade. Es war eine Marke, die ich aus dem Supermarkt zuhause kannte. Ich glaube es waren Schogetten von Toblerone für etwa 8 Mark pro Tafel. Ich staunte nicht schlecht über den Preis. Eine Straßenbahnfahrt kostete 20 Pfennig und eine Tafel Schokolade sollte so viel wie eine Monatskarte kosten ? Ich biss in den sauren Apfel, da ich unbedingt Süßes haben wollte und kehrte voller Vorfreude mit meiner Luxusschokolade zurück. Ich wollte sie heimlich verspeisen, um sie erstens mit niemanden teilen zu müssen und zweitens, um den Gemecker meiner Mutter aus dem Weg zu gehen. Ich war leider übergewichtig und deshalb etwas traurig. Ich suchte öfter Trost in den Glückshormonausschüttungen, die unter anderen auch durch den Verzehr von Schokolade hervorgerufen wurden. Gierig öffnete ich die Packung und fand lauter kleine weiß angelaufene Schokostückchen vor. Die Tafel war längst abgelaufen. Im Sozialismus gab es weniger dicke Kinder.

Zum Abschied versammelten sich alle im Hof und es flossen Tränen. Niemand glaubte, dass jemals ein Besuch im Westen möglich wäre. Meine Verwandtschaft schien sich gut im Sozialismus eingelebt zu haben, der mir beschaulich und provinziell vorkam. Es waren Organisationstalent und Kreativität gefragt. Der Westen war irgendwie hektischer aber ebenfalls provinziell. Auch hier war Kreativität gefragt und Durchhaltevermögen. Der kapitalistische Produktionsprozess war brutal und ging oftmals auf Kosten der Gesundheit der Arbeitnehmer und Arbeitnehmerinnen. Daran hat sich im Grunde eigentlich nichts geändert. Die DDR bevormundete ihre Bürger und Bürgerinnen auf ebenso brutale Art und Weise. Indem sie deren Freiheitsrechte einschränkte, begrub sie auch ein einmaliges gesellschaftliches Experiment. Schade eigentlich. Wir ließen unsere Lieben also in ihren eingemauerten Staat zurück und hätten jeden für die Behauptung, die Mauer falle in 5 Jahren, für verrückt erklärt.

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