Blogaktion #Schattenklänge / Die Fleischhauer

Ich habe gerade eine schöne Blogaktion namens Schattenklänge gefunden, die offiziell zwar beendet ist, zu der man aber offensichtlich noch etwas beitragen kann wenn man möchte. Gesucht sind Geschichten von Menschen, die arm sind oder auf der Flucht, die anderes fühlen, denken, ticken, leben, sehen, aussehen, queer unterwegs sind. Das Lesen hat mir viel Spaß gemacht. Vielleicht passt mein Text „Die Fleischhauer“ irgendwie dazu.

Eigentlich fühlte ich mich immer zu Außenseitern hingezogen. Ich bin selbst haarscharf dran vorbeigeschlittert einer zu sein. Mit Ranordnungen in Gruppen hatte ich immer Probleme. Da es zum Alpha- Tierchen meist nicht reichte, blieb mir nur der Klassenkasper. Mitläufer fand ich öde. Ein Außenseiter der besonderen Art war Hugo. Hugo Fleischhauer Der Name war Programm. Sein  Vater betrieb Turnhallengaststätte und lebte mit seiner Familie in der Hausmeisterwohnung der Halle. Das Gemäuer war furchtbar alt und hässlich und stand am Ortseingang auf  einem großen freien Wiesen und Sportgelände. Von weit thronte das Gebäude wie eine Trutzburg ohne viele Fenster mit schräg gemauerten Stützpfeilern, die eher zur chinesischen Mauer gepasst hätten. Auf der Wiese hinter der Halle. Durften die Zigeuner lagern. Heute sagt man Sinti und Roma, obwohl ich nicht weiß, ob es tatsächlich welche waren. Ihr „König“ hatte eine Villa am Ort bezogen und es kamen oft Mercedes Limousinen mit Wohnwagen in die Nachbarschaft. Hugos Vater stellte ihnen gerne seinen Wasseranschluss und anderes zur Verfügung. Das Haus war für uns eine Art Villa Kunterbunt. Der alte Parkettboden der Halle hatte geheimnisvolle Einstiege die in ein endloses Kellerlabyrinth führten. Hier fand man Berge von Holzbohlen, antiquierte Turngeräte, Spielsachen und sogar ein Kett- Car mit Rasenmäher- Motor. Hugo war mein bester Freund. Fast immer wenn ich ihn zuhause besuchte war er alleine. Diese Wohnung schien absolut erwachsenenfrei. Ein umgefallener Sessel blieb einfach liegen. Zuhause musste ich immer auf Zehenspitzen durch die Wohnung. Vater arbeitete Nachtschicht. Jeder Krümel musste penibel beseitigt werden. Unsere kleine Wohnung war zu voll mit Menschen, um steril zu bleiben. Mutter war immer verzweifelt. Hugos zuhause war faszinierender. Er durfte immer Cola trinken. Seine große Schwester durfte als einziges Mädchen in der Jugendmannschaft des örtlichen Fußballvereins mitspielen. Ich glaube sogar es gab Jungs die hatten Angst vor ihr. Hugo konnte auch angsteinflößend sein. Mit ihm legte sich keiner gerne an. Er war keine Intelligenzbestie und oft brachte ich die Ideen für unsere Spiele ein. Spielten wir Boot war ich der Kapitän oder Krieg war ich der General. Manchmal motzte Hugo dann, doch ich konnte ihn immer Wortreich von der allgemeinen Notwendigkeit überzeugen.

Selten setzte Hugo seinen Willen durch. Nur einmal bestimmte er entschlossen was wir nach Schulschluss tun würden. „Wir werden Thomas auflauern“: sagte er. Mir war etwas mulmig zumute. Das war doch eigentlich das Terrain der Viertklässler. Die konnten uns kleineren doch nach Herzenslust rumschubsen. Außerdem war Thomas einen Kopf größer als wir. Er war ein absoluter Außenseiter. Ich konnte mit ihm nichts anfangen weil er nur Unsinn erzählte. Oft saß er mit offenem Mund da und stierte vor sich hin. Er tat mir ein bisschen leid. Hugo war fest entschlossen und ging los. Ich konnte entweder alleine zurückbleiben oder mitgehen. Ich ging mit. Versteckt hinter Hugo wartete ich. Thomas war im Tran und entdeckte uns auf der freien Wiese sehr spät. Als er Hugo erkannte wollte er sofort flüchten. Mit seinen langen Gliedmaßen ging er in einen Trapp über, der mich an die ungelenken Kamele im Zirkus erinnerte. Sein Turnbeutel schlackerte zwischen seinen dünnen Beinen. Er war nicht clever genug um uns zu entkommen und lief Hugo direkt in die Arme. Meine Angst war verflogen. Er benahm sich wie das geborene Opfer. Seine Schulsachen flogen umher. Hugo lachte laut. In Thomas Gesicht stand die nackte Panik. Was tat ich hier nur. Thomas Nutellabrot lag in Hugos Hand.. Komm lass uns gehen bat ich. Platsch. Mit Genuss landete es in Thomas Gesicht. Du hast gewonnen lass uns abhauen flehte ich. Noch ein Tritt und unter wilden Geheule trat Thomas die Flucht an. Hugo war sichtlich zufrieden. Ich ließ mir nichts anmerken. Wie sollte ich Thomas je wieder unter die Augentreten ? Ich hatte keine Idee mehr für heute und wir langweilten uns in der Kneipe von Hugos Eltern. Er durfte immer Flippern. Ich war aber zu ungeschickt dafür.

An nächsten Tag kam Thomas in die Schule Ich schämte mich. Er stierte aber nur wie immer. Kein anklagender Blick. Keine Rache. Keine Vorwürfe. Das beschäftigte mich schon. Nachmittags malten Hugo und ich. Hugo fragte: „Was malst du denn ?“. „Das ist Thomas“, sagte ich und zeigte auf ein Männchen, das auf einer Wiese stand. Spontan malte ich einen großen Penis dran, um Hugo zum Lachen zu bringen. Er nahm meinen Stift und malte eine Frau mit großen Brüsten. Das ist seine Mutter. Großes Gelächter brach aus. Ich hatte unlängst von meinen großen Bruder das Wort ficken gelernt und wusste nur, dass es ziemlich verboten war. Es landete ebenso auf dem Papier, wie ein weiteres Männchen und etwas Gekrakel. Irgendwie landete das Pamphlet schließlich im Briefkasten der Familie Schaffernicht. So hieß Thomas. Wir fanden den Namen so lächerlich, dass er natürlich auch auf dem Brief landete.

Als ich am nächsten Tag aus der Schule kam, durfte ich nicht zu Hugo. Dein Vater und ich wollen heute Nachmittag mit dir reden. Geh jetzt auf dein Zimmer. Mein Vater wollte nie mit mir reden. Er wollte eigentlich immer nur schlafen. Meine Mutter war immer gleich hysterisch wenn etwas war. Ihre bemühte Ruhe flößte mir Angst ein. Banges warten bis Vater von der Arbeit kam. Thomas kann doch unmöglich gequatscht haben. Das Tribunal war kurz und heftig. Thomas Vater wollte uns bei der Polizei anzeigen. Nur eine Entschuldigung könnte uns noch retten. Wenigstens fing Mutter an zu schimpfen. Was diese Leute jetzt von uns denken. Wie asoziale hätten wir uns benommen. Die Fleischhauers wären auch kein Umgang für mich, meinte sie. Mein Vater schwieg, da er Stammgast in Fleischhauers Kneipe war. Die Strafe war hart. Zwei Wochen Spielverbot mit Hugo und eine persönliche Entschuldigung in Begleitung meines Vaters. Am nächsten Tag der Gang nach Canossa. Hugo, mein Vater und ich im Wohnzimmer der Dreizimmerwohnung. Herr Schaffernicht, ein Angestellter, saß mit Hornbrille und Polunder vor uns. Seine Miene spiegelte Empörung. Frau Schaffernicht brachte zu meiner Verwunderung Getränke und verschwand wieder. Thomas wurde auf sein Zimmer geschickt. Herr Schaffernicht hielt eine Moralpredigt über diesen Brief. An den Inhalt kann ich mich nicht erinnern. Nur einmal fragte er meinen Vater scharf, ob er ihm nicht zustimme. Mein Vater schaute als hätte er einen Schnaps getrunken und nickte. Als wir das Haus verlassen durften schaute ich gebannt auf meinen Vater. Ich merkte das gefiel ihm alles nicht besonders. Er konnte fürchterlich aus der Haut fahren und tat es gewöhnlich auch. Zum Glück wusste er nichts von der Prügelei. Er sah uns ernst an und sagte“ Das nächste mal lasst Euch nicht erwischen“.

Hugo zog weg. Die Turnhalle wurde abgerissen. Um Thomas machte ich einen Bogen. In der Fünften wechselten wir auf die Förderstufe. Thomas kam schnell auf die Sonderschule. Unser Lehrer war empört, das das nicht früher geschehen war. Jahrelang wäre der arme Junge überfordert gewesen und hätte wichtige Förderung nicht bekommen. Er musste sich wohl lange mit Thomas Vater über die Versetzung streiten.

Thomas traf ich mit achtzehn auf der Straße wieder. Er war lange fort gewesen. Ich sprach ihn an und er schien erfreut mich zu sehen. Er berichtet erstaunlich selbstsicher von seiner Tischlerlehre, die er in einer anderen Stadt machte. Irgendwie war ich froh, dass es ihm gutging. Hatte ich durch ihn doch etwas Rohes in meinem Wesen kennenlernen müssen, dass mich heute empört und wütend macht.

Ich wollte gerne Berufsschullehrer werden und es bestätigte mich zu welchen Leistungen die Pädagogik fähig war.

 

Heimatzeitung 1. August 1992

 

Versuchter Totschlag im Bordell

 

Vergangenen Dienstag wurde in einem Bordell ein Einundzwanzigjähriger gefasst der versucht hat eine fünfunddreißigjährige Prostituierte zu erwürgen. Die Frau hatte den ihr unbekannten Mann hinauswerfen wollen als sich dieser aggressiv  zeigte. Sie wurde bewusstlos in ein Krankenhaus eingeliefert, befindet sich jedoch nicht in Lebensgefahr.

 

Heimatzeitung 15. August 1992

 

Doppelmord im Rotlichtmillieu aufgeklärt

Der Polizei ist es gelungen einem in Haft sitzenden Einundzwanzigjährigen einen Doppelmord im Bahnhofsviertel nachzuweisen. Durch intensive Vernehmungen und den routinemäßigen Abgleich ungeklärter Kapitalverbrechen konnte der aus dem Kreis stammende Mann überführt werden. Die Taten folgten immer demselben Muster. In keinem Fall kam es zum Geschlechtsakt vor der Tat. Beide Frauen sind erwürgt worden. Die überlebende Prostituierte berichtete, dass der Mann sie bereits öfter besucht hatte und bis dahin nicht gewalttätig geworden war.

 

Heimatzeitung  3. März 1993

 

Verurteilung zu 10 Jahren Jugendstrafe wegen zweifachen Totschlags.

 

Vor dem Frankfurter Strafgericht wurde heute der dreiundzwanzigjährige Thomas S. wegen zweifachen Totschlags zu 10 Jahren Jugendstrafe verurteilt. Der im Kreis aufgewachsene Mann war im August letzten Jahres bei einem versuchten Totschlag in einem Bordell gestellt worden. Bei den Ermittlungen stieß die Polizei auf zwei ungeklärte Tötungsdelikte aus den Jahre 1989 und 1991. In beiden Fällen handelte es sich um Prostituierte. Bei dem Täter wurde Jugendstrafrecht angewandet, da er erhebliche Entwicklungsverzögerungen aufzuweisen hat. Dieser Umstand wurde im Strafmaß berücksichtigt. Laut Gerichtsprotokoll schlug Thomas S. immer dann zu, wenn er sich von den Frauen gedemütigt fühlte. Seine Entwicklung wurde maßgeblich durch seinen Vater beeinflusst, der zu hohe Ansprüche an ihn stellte. Thomas S. konnte aufgrund seiner Lernbehinderung diesen Ansprüchen nie genügen. Die Haft ist mit einer Therapieauflage verbunden.

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