massenhafte Massenhaft, ein DDR Reisebericht IV

Nach ein paar Tagen im real existierenden Sozialismus fühlte ich mich trotz gemütlicher, geselliger Abende und diverser Ausflüge irgendwie eingesperrt. Ein Großteil des Lebens spielt sich bekanntlicherweise im Kopf ab. Die Gedanken und Phantasien sind es letztlich, die uns zu neuen Taten schreiten lassen. Der Gedanke, dass meine Verwandtschaft in diesem Land eingesperrt war gefiel mir ganz und gar nicht. Sollten sie nie Spanien oder Frankreich sehen, obwohl es dort sehr schön war wie ich aus vergangenen Urlauben wusste ? Ich hatte viele Filme über Fluchten aus der DDR gesehen. Menschen, die mit selbstgebastelten Heißluftballons oder durch selbstgegrabene Tunnels über die Grenze kamen. Ich wusste, dass es auch Tote gegeben hatte und empfand das alles als sehr bedrückend. Die Realität war natürlich wie immer weit unspektakulärer. Die Schwester meines Vaters war vor dem Mauerbau mit einer Menschengruppe über die grüne Grenze gegangen und ist von einem Stasispitzel verraten worden. Ein paar Wochen später versuchte sie es erneut und war erfolgreich. Die Familien der zurückgebliebenen mussten mit Repressalien rechnen. Das war meinen Großeltern aber scheinbar egal. Villa, Auto und Mietshaus waren durch Krieg und Enteignung verloren und ein Handwerker muss keinen Hunger leiden. Mein Großvater war Metzger gewesen und kam mit einigem Übergewicht aus russischer Kriegsgefangenschaft zurück. „Gegessen und getrunken wird immer“, war ein Motto der Familie. Mein Vater fuhr mit mir zum Elbufer und zeigte mir das mehrstöckige Jugendstilwohnhaus, in dem er als Junge mit Großvater die Miete kassiert hatte. Das machte man damals offensichtlich in bar und während des Krieges auch in Naturalien. „Da konnte einer seine ganzen langjährigen Schulden mit einem Sack Mehl bezahlen“, wusste Vater zu berichten. Das Haus war renoviert und im Flur prangte eine Tafel auf der stand „Eigentum des Volkes“. Ich war froh, dass das schöne Haus den Krieg und bisher auch den Sozialismus überstanden hatte. Für meinen Vater war all das aber nur ein Beweis, dass es sich nicht lohnte flüchtigen materiellen Dingen hinterher zujagen.

„Wir können doch nach Ungarn und bis ans Schwarze Meer fahren“, entgegnete mein Cousin auf meine Mitleidsbekundigungen bezüglich der massenhaften Massenhaft in der DDR. „Warst Du schon mal dort ?“, fragte ich. „Nö. Bei uns ist es doch auch schön. Am Ostseestrand kannst Du prima FKK machen“, fügte er mit glänzenden Augen hinzu und zeigte mir eine Zeitschrift, die Eulenspiegel hieß. Auf der letzten Seite gab es eine nackte Frau am Strand zusehen. Auf den anderen Seiten gab es Witze und Berichte für ein jugendliches Publikum. „Eigentlich geht es uns hier doch ganz gut“, fügte er versonnen hinzu. Ja. Das war nicht schlecht musste ich zugeben. Nach Hause wollte ich trotzdem wieder. Ich sehnte mich geradezu nach Farben und sei es nur eine Colawerbung. Zuhause schaute ich viel Fernsehen und da das Kinderprogramm der drei empfangbaren Sender mit mit reichlich bunter Werbung und blutrünstigen Nachrichten untermalt wurde, litt ich wohl unter Entzugserscheinungen. Für den grauen Alltag im Sozialismus war ich scheinbar nicht geschaffen. Ich war eher so für die bunte Fassade des „Bonbonkapitalismus“ geeignet. Jedem Volk sein Opium.

Das paradoxeste an der ganze Mauer war die Bezeichnung „Antifaschistischer Schutzwall“, obwohl allen klar war, dass sie hauptsächlich dazu diente niemanden aus dem Land zu lassen und nur zu einem kleinen Teil vor äußeren Gefahren schützte. Es sei denn man bezeichnete die freie Wahl seiner Bürger und Bürgerinnen ihren Wohnort zu wählen als Gefahr. „Du warst doch bei der Nationalen Volksarmee“, fragte ich meinen Cousin. „Mir blieb nichts anderes übrig“, bekam ich als Antwort. „Warst Du auch an der Grenze stationiert ?“ , fragte ich gespannt. „Ganz in der Nähe. Wir haben auch Übungen an der Grenze gemacht“. „Und was hättest Du gemacht wenn einer geflohen wäre ?“, wollte ich wissen. „Ich hätte danebengeschossen“.
Wenn Opa in Rußland danebengeschossen hätte, wäre es ihm wohl an den Kragen gegangen. Das Leben in der DDR erschien mir um einiges komfortabler als im Dritten Reich, obwohl ich zugeben muss, das der Vergleich hinkt. Opa war bei der Luftwaffe Techniker gewesen und musste nach eigenem Bekunden niemals auf einen Menschen schießen. Mein Cousin kam offenkundig ebenfalls niemals in diese Bredoullie. Mein Vater musste als Flüchtling nicht zur Bundeswehr und ich wollte auf jeden Fall den Wehrdienst verweigern. Sollte sich hier etwas zum Besseren wenden ? Oder sollte ich mich mit meinen Altersgenossen in einer moralisch überhöhten Traumblase befinden, die von den Amerikanern beschützt wurde ? Zum Glück war ich erst fünfzehn. Bald sollte ich erwachsen werden und all die Widersprüche durchblicken können. Das hoffte ich zumindest.

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