Sozialarbeiterprosa II

In unserer schönen Stadt laufen viele Verrückte herum und ich bin einer von ihnen. Sie sehen meine Definition von verrückt ist durchaus positiv gefärbt und in keiner Weise deklassierend gemeint. Im Sozialwesen neigen die Protagonisten und Protagonistinnen dazu abweichendes oder auffälliges Verhalten erklären zu wollen. Das tun sie, weil sie dafür bezahlt werden und ihre Arbeit selbstverständlicherweise ernst nehmen. Damit sie auch von steuerzahlenden, entscheidungstragenden und anderen Mitmenschen ernst genommen werden, haben sie sich eine eigene Sprache ausgedacht.  Eine Berufssprache sozusagen. Andere Berufsgruppen sind hier schon viel weiter fortgeschritten und können, vom Laien vollkommen unverstanden, miteinander kommunizieren. Im Sozialwesen hat man sich hier eines Tricks bedient und von vielen mehr oder weniger anerkannten Wissenschaften, die schönsten und kompliziertesten Wörter entliehen. Denn Sozialwesen oder Sozialarbeit ist meines Wissens leider keine eigene Wissenschaft. Eher so eine Art „Best of“ Pädagogik, Soziologie, Psychologie, Medizin, Jura und was weiß ich noch, was da so drin steckt.  Ich war ja schon noch dreieinhalb Jahren Studium durch und durfte mich Diplom-Sozialpädagoge nennen. Vielleicht ist mir in der Eile das ein oder andere entgangen.

Verstehen Sie mich nicht falsch. Mit den Menschen, die wir mit unserer Hilfe beglücken wollen reden wir möglichst umgangssprachlich. Sie sollen es ja schließlich kapieren was wir von ihnen wollen. Nur im Kollegium und im fortgeschrittenen Maße anderen Berufsgruppen gegenüber, darf es schon ein wenig einschüchternd und kompetent wirkender sein.

Um all das Verrückte, was nun auf unseren schönen Straßen so herumwuselt, beschreiben zu wollen bedienen wir uns hauptsächlich der medizinisch/ psychologischen und der juristischen Sprache. Beide Sprachen sind absolut unverständlich und eignen sich deshalb hervorragend zur Beschreibung von Zuständen, die eigentlich nicht zufriedenstellend zu beschreiben sind. Die Medizin liefert hier die Diagnosen und mit Hilfe der juristischen Sprache werden die jeweiligen Kostenträger zufriedengestellt.

Nehmen wir beispielweise einen Mann der laut gestikulierend über die Straße läuft und angestrengt mit erhobener Stimme spricht, obwohl sich niemand um ihn herum befindet. Trägt er einen Anzug und hat ein Headset am Ohr können wir keine Diagnose stellen, ohne zu wissen, ob am anderen Ende der Leitung tatsächlich ein Gesprächspartner ist. Trotz des offensichtlichen Leidensdrucks würde ich als erfahrener Streetworker nicht einschreiten. Anders geartet ist der Fall wenn unser Probant keinerlei technische Ausrüstung zur Kommunikation mit sich trägt (und man muß genau gucken, den diese Dinger werden immer kleiner). Hier kann man doch schon mal gerne eine Psychose vermuten oder wenigstens eine posttraumatische Belastungsstörung. Da tut Hilfe not. Helfen kann man in der Regel aber nur wenn der betroffene Mensch und nicht nur der Betrachtende darunter leidet. Das nennt man Leidensdruck und der sollte sich nicht beim Helfenden befinden.

Richtig frech wird es wenn Menschen Symptome entwickeln, die in kein bekanntes Schema passen. Jahrelange Forschung und die ganzen schönen Modelle sind plötzlich dahin. Und dann sind das so viele Querschläger, dass man sie nicht mal mehr als Einzelfall bezeichnen kann. Da kann auch dem geduldigsten Psychiater und  auch der Psychiaterin die Freude am Beruf vergehen.

Das ich als Sozialarbeiter keine Diagnosen stellen darf, empfinde ich hier als sehr entlastend. Einfach mal zum Menschen gehen und handeln. Lernen in der Praxis und Lehren daraus ziehen. Eher so praktisch bildbar halt.

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