Shopping im real existierenden Sozialismus oder Schwein gehabt, ein DDR Reisebericht III

Am nächsten Tag fuhren wird in die Stadt. Mein Vater hatte mir erklärt, dass die Stadt auch Elbflorenz genannt wurde und ich war leicht schockiert über den schlechten Zustand der meisten Häuser. Ganze Straßenzüge waren grau und abblätterender Putz war nur das kleinste Problem. Ruinen schaffen ohne Waffen. Die einzigen Farbtupfer waren Propagandaplakate in denen der Sozialismus und dessen unermüdliche Aufbau gepriesen wurde. „Diese blöden Plakate gehen mir voll auf den Wecker“, stellte ich genervt fest. Vater nahm mich zur Seite und sagte: „Das kannst Du Dir hier denken aber nicht laut sagen. Man weiß nie wer Dir hier zuhört“. In der Tat waren einige Passanten in Rufnähe und meine Gereiztheit wich einer leichten Paranoia und Überraschung. Mein Vater, der nie ein Blatt vor den Mund nahm, der unerschrocken im Fußballstadion inmitten der eigenen Fans die Gegner anfeuerte wenn es ihm passte, riet zu Vorsicht ? Das schien hier trotz der lockeren Sprüche kein Spiel zu sein. „Die ersten 40 Jahre Kommunismus sind immer die härtesten“, sagte mein Onkel mit einem verschmitzten Lächeln. „Vor zehn Jahren haben die Leute immer gesagt, die ersten dreißig Jahre Kommunismus sind die schlimmsten.“, fügte meine Tante hinzu und lachte. Die Innenstadt war eine imposante Ansammlung historischer Gebäude. Sie bildeten aber kein stimmiges Gesamtbild. Große Freiflächen und ein riesiger Trümmerhaufen störten die Idylle. „Das war die Frauenkirche“, sagte Vater. „Der Haufen liegt hier unverändert seit 40 Jahren. Ein Mahnmal gegen den Krieg.“  Ich fragte: „Kann man das nicht wieder aufbauen ?“. „Nein. Das ist zu teuer und zu aufwändig“. „Als Kinder haben wir in solchen Trümmerhaufen gespielt. Das war ein Abenteuer“, fügte Mutter hinzu. Zu Hause hatten wir einen Bildband über den verheerenden Luftangriff auf die Stadt gegen Ende des Krieges. Es waren Leichenberge und von der Hitze mumifizierte Menschen abgebildet, die mir lange  Albträume bereitet hatten. Meine Eltern hatten aber niemals großartig darüber gesprochen oder gar irgend jemanden außer Hitler dafür verurteilt. Lediglich mein Großvater wusste von vertrieben Juden zu berichten, die sich aus Rache der Royal Airforce angeschlossen hatten, um deutsche Städte zu zerstören. Erst später begriff ich, dass sein in der Jugend geprägtes Weltbild schlichtweg antisemitisch war. Kein leicht zu fällendes Urteil einem Menschen gegenüber, dem man liebt. Jahre später las ich in einer konservatven Zeitung einen Artikel, der die Bombadierung von Dresden juristisch nüchtern als übersteigerte Notwehr einstufte. Ein Straftäter wird in einer unangemessen harten Reaktion über das Maß bestraft und es entsteht hierdurch eine neuer Straftatbestand, der geringfügiger ist. Das trifft die Sache wohl am ehesten, ohne Ursache und Wirkung zu vertauschen und einer immer moderner werdenden Revision der Geschichte zu verfallen. Die gleiche Zeitung zitierte Mohandas Ghandi sinngemäß: „In Hiroshima und Dresden wurde Hitler mit Hitler bekämpft“.

Ein paar Straßenzüge weiter hatte sich die DDR, ähnlich wie der Westen dem brachialen Wiederaufbau gewidmet. Mehrspurige Straßen und überdimensionierte Gebäude. Vor einem Laden namens Intershop standen mehrere Passanten und betrachteten die Auslage. Neugierig trat ich dazwischen und sah einen vollkommen normalen kleinen Supermarkt. Ich fragte mich warum hier so viele Leute standen und der Laden leer war. „Da kannst Du nur mit Westmark einkaufen“, erklärte Vater. Ein Mann kam zu uns und sah meinen Vater fragend an. Wir waren aufgrund unserer Kleidung schnell als Westdeutsche zu erkennen, obwohl keiner außer Mutter größeren Wert auf Mode legte. Vater schüttelte aber nur den Kopf und ging mit mir in den Laden.“Was wollte der Mann ?“, fragte ich. „Der wollte Geld wechseln. Für eine Ostmark bekommst Du hier mehrere Westmark. Hier ist das aber zu gefährlich. Der könnte auch von der Stasi sein. Das private Geldwechseln ist verboten. Du darfst nicht mal Westmark besitzen. Die musst du beim Staat eintauschen.“ Hier stand ich nun in einem ganz normalen kleinen Supermarkt oder eher einem Tante Emma Lädchen und fühlte mich wie in einen Spionagefilm versetzt. Draußen lauerte vielleicht die Staatssicherheit. Beim Bezahlen musste Vater seinen Pass vorzeigen. Im nahen Kaufhaus gab es nichts interessantes für mich. Vater hatte mir zehn Ostmark gegeben, mit denen ich nichts kaufen konnte. Lediglich die Campingabteilung war gut ausgestattet und ich wollte ein paar Alutöpfe kaufen. Ehe ich mich versah hatte mein Onkel sie jedoch für mich bezahlt. „Viele haben hier drüben Bankguthaben mit denen Sie eigentlich nicht viel anfagen können“, erklärte er und schien froh mir mit diesem Geld eine Freude gemacht zu haben. Vor einem Buchladen stand eine lange Schlange, obwohl der Verkaufsraum eher leer war. Die Erwachsenen waren schnell zum Auto gelaufen und ich sollte warten. Ich war neugierig und wollte sehen was es so im Angebot gab. Ich ging hinein und fing an die Auslage zu studieren. Eine Angestellte erklärte mir schnippisch, dass ich einen Einkaufskorb benötige. Meinen Hinweis, dass ich nur mal schauen wolle, schien sie nicht zu verstehen. Als ob nicht jeder wüsste was es in einer sozialistischen Buchhandung zu sehen gäbe. „Da sind aber keine Einkaufkörbe mehr“, warf ich ein. „Dann stell dich halt hinten an“, sagte sie mit einer Geste auf die lange Schlange. Schlange stehen nur um das Angebot zu studieren ? Ich hatte die Nase voll vom DDR- Shopping.

Das Wort Shopping kannte mein Onkel nicht. Er nannte es organisieren und darin war er Großmeister. Komm wir fahren was besorgen. Wir quetschten uns zu dritt in einen vom Nachbarn geliehenen Trabat Kombi und knatterten los. „Wenn es zu laut ist kannst Du Dir mit den Knien die Ohren zuhalten“, rief Vater  vergnügt und ich amüsierte mich die ganze Fahrt über an dem entstandenen Bild, dass der Realität eigentlich recht nahe kam. Wir hielten an einem großen Bauernhof, um ihn zu besichtigen. Zumindest dachte ich das bis zu dem Moment, als mein Onkel einen großen Sack herausholte, ein kleines Ferkel packte und hineinsteckte. Zuvor hatte er dem Mitarbeiter etwas zugesteckt. Das Schwein quiekte und strampelte. Ich fühlte mich ähnlich. Der Sack wurde auf die kleine Ladefläche des Trabbis gehoben und ich bekam die Aufgabe auf das Tier aufzupassen. Wir knatterten zurück. Das Schwein quiekte und zappelte im Sack umher und mir brach der Schweiß aus. „Es ist ganz aufgeregt“, rief ich zu den beiden Männern auf den Vordersitzen. Ich saß auf der Rückbank und streichelte das Ferkel, das sich aber nicht beruhigen ließ. „Mach Dir keenen Kopp“, sagte mein Onkel vergnügt. Die ganze Sache war absurd und hatte etwas von einem Banküberfall mit Geiselnahme. „Wir holen uns jedes Jahr ein Ferkel und halten es im Stall. Wenn es fett genug ist gibt es ein großes Schlachtfest“, erklärte mein Onkel ungerührt. Das Schweinchen verstummte als hätte es gehört was ihm blüht und sich seinem Schicksal  ergeben. „Jetzt ist es ganz ruhig“, stellte ich besorgt fest. Die Luft war stickig, es war heiß und der Sack spannte über den kleinen Körper. Ich streichelte den Sack, um mich und das Schwein zu beruhigen und hoffte auf ein Ende des Höllentrips. Am Stall angekommen wurde der Sack aus dem Auto in die Box gehoben. Das Schwein rührte sich nicht. Die Männer warfen einen Blick  in den Sack und schauten sich betreten an. Die Sau war Tod.

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