Sich selbst überholende Systeme, ein DDR Reisebericht II

Eigentlich war die Stimmung in unserem sozialistischen Nachbarstaat gar nicht so übel. „Der Grenzbeamte war doch ganz freundlich“, stellte ich gegenüber meinen Eltern fest. „Bei dem ordentlichen Eintritt, den wir bezahlen mussten kann man das auch erwarten“, sagte Mutter. „Eintritt, wie im Zoo ?“, fragte ich. „Für jeden Visatag müssen wir ordentlich pro Person bezahlen und uns jeden Tag bei der Polizei am Zielort melden. Wir dürfen hier nicht einfach in der Gegend herum fahren wie wir wollen. Die wissen genau wo wir uns wann aufhalten. Das mussten wir alles vorher angeben.“, berichtete Mutter.“ Wir müssen genau 100 km/h fahren. Die warten nur drauf uns das Geld aus der Tasche zu ziehen. Die DDR ist nämlich Pleite.“, fügte sie noch hinzu.

So fuhren wir auf der alte Reichsautobahn Richtung Osten. Diese bestand aus aneinander gereihten Betonplatten, die beim überqueren ein klackendes Geräusch von sich gaben. Ähnlich einer Zugfahrt begleitete uns ein rythmisches Klackern. „Das ist noch die alte Hitlerautobahn“, sagte Vater. „Ganz schon unkonfortabel“, dachte ich. Obwohl Oma gesagt hatte, dass beim Hitler ja nicht alles schlecht gewesen sei und auf die Autobahnen verwiesen hatte. Vielleicht hatte sie eine andere gemeint. Die hier war Scheiße. Trotz des Tempolimits überholten wir zahllose Autos, die meiner Meinung nach eher ins Museum gehörten. „Das sind Trabbis“, erklärte Vater. „Wenn Du so eine Rennpappe haben willst, kannst Du fünfzehn bis zwanzig Jahre warten. Für Roland haben sie einen bei seiner Geburt bestellt. Vielleicht bekommt er den, wenn er den Führerschein macht“, fügte er lachend hinzu. Kapitalistisch überlegen schaute ich auf das wirtschaftlich rückständige Treiben um mich herum. Ich wusste, dass der Trabant aus einer Art Kunststoff hergestellt war, der nicht rostete.  Ich wusste zu diesem Zeitpunkt allerdings nicht, dass unser Talbot, trotz getönter Scheiben und Servolenokung, bereits nach fünfeinhalb Jahren durchgerostet und somit ein wirtschaftlicher Totalschaden war. Der Kapitalismus sorgte auch schleunigst dafür, dass die Automarke innerhalb acht Jahren vom Markt verschwand. Der Sozialismus sollte schneller sein. Sechs Jahre später brach das ganze System zusammen und auch die Trabantproduktion wurde eingestellt. Trabants fahren allerdings heute noch durch die Gegend und haben sich als langlebiger als der real existierende Sozialismus erwiesen. Als es bergab ging erdreisteten sich einige dieser realexistierenden Gefährte uns zu überholen. Mit 105 km/h überholte uns einer der Todesmutigen ganz langsam ohne uns eines Blickes zu würdigen.

Wir fuhren von einer Anhöhe kommend durch eine langezogene Kurve an einer imposanten Stadt vorbei. Imposant gleichformig. Unzählige Reihen mit Wohnblocks zogen sich entlang der Autobahn. „Das sind Plattenbauten. Die sind aus Betonplatten zusammengesetzt. Da sind die hier ganz stolz drauf.“, sagte Vater und fügte hinzu:“Das ist Karl Marx Stadt. Das hieß früher Chemnitz und wurde zu Ehren von Marx umbenannt.“ Karl Marx war mit bekannt. Opium fürs Volk und so. Das mussten hier ja wirklich alles begeisterte Kommunisten sein. Ich stellte mir vor wie es wäre wenn unsere Stadt im Helmut- Kohl- Stadt umbenannt würde. Das war aber vermutlich wie bei der Heiligsprechung. Für so etwas musste man wohl erst das zeitliche segnen und nicht mal dann war es sicher. Stalingrad war ja schließlich auch wieder unbenannt worden.

Am späten Nachmittag kamen wir schließlich am Ziel an. Unsere Verwandschaft wohnte auf einer Hofreite in einem ländlichen Vorort von Dresden. Dort hätte man problemlos einen Historienfilm drehen können. Zu unserem Empfang wurde stolz alles aufgeboten, was der real existirende Sozialismus zu bieten hatte. Meine Cousine präsentierte stolz eine Wassermelone, die sie wie eine Krone bei einer Krönung vor sich her trug. Sie arbeitete in einem Supermarkt und war Mitglied bei der FDJ. Das war so eine Art Honneckerjugend. Aufgrund dieser guten Verbindungen hatte sie öfter die Möglichkeit an exotische Früchte und andere Seltenheiten zu kommen. Mein Onkel betrieb eine Holzwerkstatt in der mit Maschinen aus den zwanziger Jahren Holzbottiche hergestellt wurden. Ich wunderte mich, dass es in der DDR überhaupt noch Bäume gab, bei der Masse an Holzprodukten und Exporten. Hier hatte ich auch das erste mal das Vergnügen in einer Art Holzfass zu baden. Das Wasser wurde mit einem Holzofen erhitzt.

Mein Cousin war schon über zwanzig. Sein größter Schatz  war eine Kommode in seinem Zimmer, die Konservendosen mit Obst, Schokolade und ähnlich lapidaren Dingen enthielt. Er bot mir feierlich an eine Mandarinendose zu öffnen und zu verspeisen. Ich möchte aber lieber frische, die es natürlich nicht gab. Er lief den ganzen Tag in Arbeitskleidung umher. Arbeiten habe ich ihn nie  gesehen. „Im Betrieb ist es immer wichtig beschäftigt auszusehen“, erklärte er mir. Er schien das zuhause üben zu wollen. In der DDR gab es keine Arbeitslosen. Im DDR Fernsehen wurde über das große Arbeitslosenproblem und Armutsproblem der BRD berichtet. Unser Teil von Deutschland wurde hier konsequent BRD genannt. Unser Lehrer hatte uns ermahnt unser schönes Land mit vollen Namen auszusprechen und keine Abkürzungen zu benutzen, die Teil einer unfreien Propaganda waren. Da wir im freien und nachdenkenden Teil Deutschlands lebten, taten wir was unser Lehrer von uns wollte.

Dresden wurde seinerzeit als Tal der Ahnungslosen bezeichnet. Das Westfernsehen konnte hier aufgrund geographischer Eigenarten nicht empfangen werden. Man war also auf die hiesigen Nachrichten und Mundpropaganda angeweisen. Im Fernsehen wurde also über den baldigen Zusammenbruch des Westen berichtet und meine Eltern begleiteten die Nachrichten mit schallendem Gelächter. „Der Kapitalismus steht am Abgrund und der Sozialismus ist ihm ein Schritt voraus“, wurde kolportiert. Mein Cousin erwartete den Zusammenbruch diverser Wirtschaftssyteme mit stoischer Gelassenheit. Ich persönlich war viel mehr über die atomare Bedrohung und das Waldsterben im Westen besorgt. Der Wald im Westen starb nähmlich durch sauren Regen und nicht durch massenhafte Holzschnitzerei,  wie in der DDR.

 

 

 

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