Stimmung in Grenzen, ein DDR Reisebericht

Wir fuhren mit unserem nagelneuen Talbot auf die Grenze zu und die Stimmung wurde zunehmend angespannter. Ich verstand nicht genau warum meine Eltern immer nervöser wurden. Der Verkehr schlängelte sich zäh durch ein Tal, das früher von einer großen Brücke überspannt wurde. Jetzt ragten nur noch die imposanten Reste der alten Brückenpfeiler in die Höhe. „Warum wird die Brücke nicht wieder aufgebaut ?“; fragte ich meinen Vater. Ich vermutete, dass die Brücke während des Krieges zerstört wurde und damit das Schicksal vieler alter Gebäden geteilt hatte. „Damit man nicht so schnell rüber kommt“, war die überraschende Antwort. „Wollen die das wir hier im Stau stehen ?“,  fragte ich. „Nein, die wollen nicht, dass Panzer so schnell rüberkommen“. „Welche Panzer sollen denn hier rüber wollen ?“, fragte ich überrascht. „Amerikanische. Die haben Angst, dass die Amis sich den Rest von Europa auch noch holen und haben kein Interesse an einer schnellen Passage. Aus Angst vor den Amerikanern keine vernünftigen Straßen zu bauen erschien mir mit fünfzehn Jahren nicht besonders vernünftig. „Wir kommen gleich zum ersten Wachhäuschen und dann möchte ich, dass ihr ruhig seid. „, sagte meine Mutter. „Die nehmen uns das ganze Auto auseinander, beschlagnahmen die Geschenke und schicken uns zurück wenn es ihnen passt. Die Renate haben sie fünf Stunden ohne Begründung einfach herumstehen lassen. Man weiß nicht, ob die einen nicht sogar abhören können“, fügte sie hinzu.

In einem Häuschen mit Schalter saß ein Polizist. Er hatte eine graue Uniform und schaute geschäftig umher. Vor dem Haus, gab es eine Art Förderband auf das die Pässe und Visa gelegt werden mussten. „Wieso guckt der die Pässe nicht gleich an ?, fragte ich. „In dem Gebäude da hinten prüfen sie nach, ob unsere Pässe in Ordnung sind und ob etwas gegen uns vorliegt.“, antwortete Vater.“Jetzt seid doch mal ruhig“, zischte Mutter, die Angst um die vielen Lebensmittel und Kleidungsstücke hatte, die sie für unsere Verwandtschaft von „drüben“ gekauft hatte. Vater pflegte immer zu sagen, er sei adlig, ein „von“. Von drüber, sozusagen.

Unsere Verwandten schickten jedes Jahr ein Paket mit Christstollen und Holzfiguren aus dem Erzgebirge. Nussknacker und Räuchermännchen. In letztere konnte man eine Art Räucherstäbchen stecken und sie qualmten einen dann die Bude zu. Das war alles weit vor dem heute gültigen Rauchverbot in fast allen Gebäuden. Nachdem alle verfügbaren Plätze in unserer kleinen Wohnung mit Holzschnitzereien vollgestellt waren versuchte meine Mutter, die Sachen verzweifelt weiterzuverschenken. „Die schicken uns die Sachen, weil sie sich für die Jeans, Strumpfhosen, halterlosen BH´s und Süßigkeiten bedanken wollen, die wir geschickt haben.  Das kriegt man drüben nicht. Eigentlich kriegt man nicht besonders viel. Das ist eine echte Mangelwirtschaft“ Christstollen und Holzartikel aus dem Erzgebirge schienen hier wohl eine Ausnahme zu bilden.

Unsere Passe eilten uns voraus und ich war gespannt, ob etwas gegen uns vorlag. Was könnte das wohl sein ? Der Anspannung meiner Eltern zufolge, hatten sie wohl einge Leichen im Keller. Mein Vater hatte mir mal seinen Führerschein gezeigt. Ein großer grauer Lappen. In einer Fläche war Platz für eine Eintragung. Man konnte aber nichts mehr eintragen, da irgend jemand mit einem schwarzen Stift einen geraden Strich hindurchgezogen hatte. „Das ist ein Säuferbalken“, sagte er mit ironischem Unterton. „Wenn Du wegen einer Trunkenheitsfahrt verurteilt wirst, wird das hier durchgestrichen“ Mein Vater hatte abends gefeiert und müsste immer mitten in der Nacht anfangen zu arbeiten. Zu wenig Zeit zum Schlafen für zuviel Promille. „Laß Dir das eine Warnung sein“, war sein Rat.

Sollte ein solches Vergehen ausreichen, um sich als unwürdig für die Einreise in die Deutsche Demokratische Republik zu erweisen ? Ich hatte nie verstanden, weshalb es zwei deutsche Republiken gab, die beide auch noch demokratisch waren. Hätte man mit einer nicht mal etwas anderes versuchen können ? „Die Schreiben das „Demokratie“ nur in den Namen, weil das besser klingt“, hatte meine Mutter mir erklärt.“ Du kannst nur eine Partei wählen und wenn Du nicht wählen gehst, kannst Du Ärger auf der Arbeit oder sonstwo bekommen“, fügte Vater hinzu. All das hatte ihn mit neunzehn Jahren dazu bewogen in einen Zug zu steigen, Verwandtschaft im Westen zu besuchen und viele Jahre lang nicht wiederzukehren. „Im Westen hast Du bessere Möglichkeiten“, hatten meine Großeltern ihm gesagt und ihn schweren Herzens ziehen lassen. Für mich war es schwer vorstellbar gewesen wegen besserer Möglichkeiten seine Heimat zu verlassen. Ich fragte mich insgeheim, ob das alles nicht etwas übertrieben und voreilig gewesen war. Möglichkeiten gab es für mich doch genug. Da mein Vater aber nur einer von unzähligen Republikflüchtlingen gewesen war,  baute die Deutsche Demokratische Republik eine Mauer.

Vor eben dieser deutschen Mauer standen wir nun in unserem französischen Kleinwagen. Im Schrittempo bewegte sich die Kolonne vorwärts. Mehrere Autos wurden herausgewunken. Die Spannung stieg immer weiter. Ein Passat stand direkt unter einem Dach, das dem einer Tankstelle ähnelte und wurde von drei Grenzbeamten durchsucht. „Den nehmen sie jetzt auseinander“, sagte Vater. „Helfen die nicht wieder beim zusammenbauen ?“, fragte ich. Die Antwort war nur ein sarkastisches Schnauben.  Ich stellte mir vor, wie der Fahrer anschließend mit seinem Koffer verzweifelt inmitten von Autoteilen stand und nicht wußte was er machen sollte. Der Wagen stockte und wir mussten warten. Mutter war kurz vor einem Nervenzusammenbruch und klammerte sich an das Lenkrad bis ihre Hände weiß wurden. Mir wurde mulmig. „Wisst Ihr welches Wort das am häufigsten benutzte an der DDR Grenze ist ?“, fragte Vater ernsthaft. „Hände hoch ?“, riet ich. Obwohl das ja zwei Worte waren. Vielleicht schrien sie ja einfach „raus“ und hielten uns ihre Maschinenpistolen ins Gesicht ? Während ich im Gedanken von einem grimmigen Soldaten mit Maschinenpistole bedroht wurde, sagte Vater: “ Gänsefleisch“. Ich sah ihn fragend an. „Gännse fileisch t mal den Kofferaum aufmache“, sagte er lachend mit einem sächsischen Dialekt, den er sich im Westen schleunigst abtrainiert hatte, um nicht als Flüchtling zu gelten. Meine gesamte Annspannung entlud sich in einem leicht hysterischen Lachen, dass Mutter erst mit mehreren bösen Blicken zur Ruhe bringen konnte. Als ein Polizist zu unserem Wagen kam und uns unsere Pässe übergab, hielt ich mir mit beiden Händen meinen Mund zu und bemühte mich nicht loszulachen. “ Ich wünsche Ihnen einen angenehmen Aufenthalt in der Deutschen Demokratischen Republik“, sagte der Grenzbeamte und lächelte. Wir durften weiterfahren und Vater äffte den Mann nach. Er sagte aber nicht Deutsche Demokratische Republik, sondern DDR. Das klang bei ihm allerdings wie DäDärär und wurde mit der Gestik eines Posaunenspielers untermahlt. Allgemeines Gelächter und leider kein Gänsefleisch.

 

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s