Diagnose Koffer kaputt. Ein Sozialarbeitermärchen

Es war einmal ein Mann, der stellte sich mit seinem Koffer  in eine Unterführung am Stadtrand und fing an die graue Betonwand anzustarren. Es war kalt und der Winter nahte. Die besagte Unterführung war Teil eines Radweges, der zu einem großen Bürogebäude führte. In diesem Büro arbeiteten viele fleißige Menschen hart zu ihrem eigenen Wohl und selbstverständlich auch zum Wohl ihrer Mitmenschen. Der Mann wusste nicht woran all diese Menschen den ganzen Tag arbeiteten und es schien als sei es ihm gleich. Da viele der fleißigen Menschen durch das Sitzen im Bürogebäude an Übergewicht und Rückenschmerzen litten, hatten einige von Ihnen beschlossen mit dem Fahrrad zur Arbeit zu fahren. Mit großen Helmen und bunten Funktionsjacken radelten sie nach Feierabend an dem merkwürdigen Mann vorbei ohne ihm größere Beachtung zu schenken. Nur die etwas langsameren und dickeren, die den Fitnesstrend fast verpasst hatten, fanden den merkwürdigen Mann tatsächlich merkwürdig. Als der Mann am nächsten Tag immer noch genauso dicht mit dem Gesicht zur Betonwand starrend da stand, beschloss eine Radlerin der Sache auf den Grund zu gehen. Ein bischen unheimlich war ihr der Mann schon. Es dämmerte immer früher und der Mann stand morgens und abends regungslos im Finsteren. Es waren zwei Wochen vergangen bis Sie den Mann ansprach und fragte, ob er Hilfe benötige. Dieser reagierte aber nicht und starrte weiter auf die wenige Zentimeter enfernte Wand.

Was tun ? Die Polizei sagte, dass es nicht verboten sei in einer Unterführung zu stehen. Der Rettungswagen wollte nicht kommen, da es sich bei einem so standhaften Herren wohl nicht um einen Notfall handeln könne. Schließlich rief die Frau in der Stadtverwaltung an. „Er kann gerne kommen und einen Antrag auf Hilfe stellen“, war die freundliche Auskunft. „Ich weiß gar nicht, ob er mich überhaupt versteht“, insistierte die Frau. „Die Amtssprache ist aber deutsch“ belehrte der Sachbearbeiter. „Vielleicht kann er mich gar nicht hören“, rief die Frau verzweifelt. „Wir haben auch Mitarbeiter, die Gebärdensprache beherrschen und Anträge in Blindenschrift“. Kurz dachte die Frau darüber nach, ob ihr diese eigentlich recht erfreuliche Antwort irgendwie weiterhalf. „Haben Sie auch Mitarbeiter, die das Amt verlassen ?“, fragte sie forsch, „Ich meine zu Arbeitszwecken und nicht nur zum Feierabend ?“ Jetzt müsste der Sachbearbeiter gründlich nachdenken. „Falls eine Seuchengefahr von der Person ausgeht konnte ich Mitarbeiter des Gesundheitsamts informieren oder das Ordnungsamt im Falle einer Gefahr. Ist das denn ansteckend oder gefährlich?“, fragte der bemühte Sachbearbeiter. „Eher nicht denke ich. Bis jetzt steht nur er da rum“. In der nun eintretenden Pause fragte sich der Sachbearbeiter warum sie den Mann nicht einfach dort stehen ließ. Andererseits würde es sehr bald sehr kalt werden und im amtsdeutsch hieß es dann, dass aus einer abstrakten Gefährdung eine konkrete werden konnte. Das wäre ganz klar ein Grund für eine Amtshandlung. „Ich werde den Sachverhalt an unseren Sozialdienst weiterleiten“, beendete der Sachbearbeiter das Telefonat.

Das Faxgerät ratterte und der Sozialarbeiter wurde dadurch bei seinem Versuch unterbrochen seine Fingernägel mit einer Papierschere zu schneiden.  Das erforderte viel Geschick und barg große Verletzungsgefahr. Er war aber eher unerschrockener Natur. Er betrachtete die Kehrmaschine, die gerade vor seinem Fenster die Straße fegte und beneidete den Fahrer des Gefährts. „Der sieht sofort was er geleistet hat und kann zufrieden nach Hause gehen“, dachte er melancholisch. „Andererseits ist die Straße morgen wieder schmutzig. Die Leute nehmen viel zu wenig Rücksicht auf sich und ihre Straßen“. Seine Kollegin kam herein und las laut die Meldung vor: „Eine Radfahrerin meldet einen Mann der seit über zwei Wochen mit Gepäck in einer Unterführung steht“. „Ein merkwürdiger Mann“, dachte der Sozialarbeiter. „Ein merkwürdiger Mann“, sagte die Sozialarbeiterin und legte die Meldung auf den Papierstapel für den nächsten Außendienst.

In der dritten Woche bekam der merkwürdige Mann Besuch von zwei amtlich wirkenden Personen. Sie trugen ein Klembrett mit Deckel und schauten irgendwie hoheitlich in der Gegend umher. Manch ein Betrachter hätte sie wohl als merkwürdig bezeichnet. Nachdem sie lange genug in der Gegend herum geglotzt und miteinander getuschelt hatten, gingen sie zu dem einzelnen Mann in der Unterführung. Die männliche Amtsperson sagte:“ Guten Tag, wir sind Sozialarbeiter und kümmern uns um wohnungslose Menschen. Können wir ihnen irgendwie helfen ?“ Keine Reaktion. Nun trat die weibliche Amtsperson hervor und sprach: „Wir machen uns ein bißchen Sorgen um Sie, da Sie hier in der Kälte die ganze Nacht herumstehen. Wollen Sie vielleicht  eine Unterkunft oder einen Schlafsack ?“  Der merkwürdige Mann tippelte von einem Bein auf das andere und schaute kurz zur weiblichen Amtsperson. Die männliche Amtsperson war ein wenig beleidigt, dass seine Kollegin immer die besseren Erfolge bei der Ansprache erzielte, ließ sich aber nichts anmerken. Ermutigt von der Reaktion redete die weibliche Amtsperson weiter. „Wir können Sie gerne in eine Unterkunft begleiten wenn Sie das wollen“. „Nein, lassen Sie mich in Ruhe und gehen sie weg“, platzte es ziemlich laut aus dem Mann heraus. Jetzt fühlte sich die männliche Amtsperson berufen zu sagen:“Wir gehen jetzt und lassen sie in Ruhe. Wir werden ab und zu wiederkommen, um nach Ihnen zu schauen, wenn Sie nicht dagegen haben.“ Ein Beobachter könnte sich beim Abgang der Amtspersonen fragen: „Was tun diese merkwürdigen Menschen an diesem merkwürdiegn Ort eigentlich ?“, aber zum Glück gab es diesen Betrachter nicht.

Im Sozialdienstbüro liefen nun fieberhafte Vorbereitungen. „Unter welchen Namen soll ich nun eine Akte anlegen ?“, fragte der Sozialarbeiter. „Wie wär es mit Mann mit kaputten Koffer ?“, schlug die Sozialarbeiterin vor. „Ja, das ist gut. Soll ich das unter M. oder unter K. ablegen oder unter dem Ort ?“, sinnierte er. „Problemlage ? Obdachlose Person. Das ist ganz klar. Diagnose ? Koffer kaputt.“

Neuer Besuch im Spätdienst. Der Mann stand immer noch im Dunkel und starrte die Wand an. Er war weder verdurstet, verhungert noch erfroren. „Ein gutes Zeichen und kein Grund für einen Verwaltungsakt“, dachte der Sozialarbeiter. Die Sozialarbeiterin fragte: „Wir wollten mal nach Ihnen sehen. es iat sehr kalt. Wie geht es Ihnen ?“ Es folgte ein Schulterzucken des Mannes, dessen Merkwürdigkeit sich zunehmend in der Unterführung verteilte und sich dadurch aber immer weniger ausschließlich auf ihn fokussierte. „Vielleicht ist Merkwürdigkeit doch ansteckend ?“, dachte der Sozialarbeiter. „Können wir Ihnen heute mit irgendetwas helfen ?, fragte die Sozialarbeiterin. „Das bringt doch alles nichts“, sagte der immer weniger merkwürdig seiende Mann.

Nach mehreren ähnlich verlaufenden Besuchen dachte der immer merkwürdiger werdende Sozialarbeiter :“Das bringt doch alles nichts.“ Vielleicht sollte er den Mann in Ruhe herumstehen lassen und weiter aus den Fenster sehen ? Dort geschahen wirklich viele beobachtungswürdige Dinge. Er hätte auch einen Bericht schreiben  und die Sache zu den Akten legen können. Die obdachlosen Person hat Hilfe und Aussrüstung mehrfach abgelehnt. Es liegt keine Eigen- und Fremdgefährdung vor.  Der Bericht würde vermutlich in irgend einer Schulade landen. Da der Sozialarbeiter an so etwas wie Gewissen, Berufehre und seinen nächsten Gehaltsscheck glaubte, wollte er sich noch nicht geschlagen geben. Selbstverständlich hatte er auch Angst überflüssig zu werden, wenn ihn niemand brauchte.

Die Sozialarbeiterin trat in sein Büro und sagte: „Wir brauchen einen Plan“. „Einen Plan ? Warum nicht ?“, dachte der Sozialarbeiter. „Wenn jemand auf Reize seiner Umwelt so verhalten reagiert bewegt er sich stark außerhalb der Norm. Vermutlich liegt bei dem Mann eine psychische Erkrankung vor, die vielleicht behandelt werden kann. Da es Teil seiner Erkrankung zu sein scheint, nicht zum Arzt gehen zu können, schlage ich vor einen Arzt zu ihm zu bringen“, dozierte sie. „Klugscheißerein“, dachte der Sozialarbeiter und sagte, „Etwas ähnliches habe ich mir auch schon gedacht. Schön, dass Du es aussprichst. Gute Idee“. Er wusste, dass sie sich immer über ein Lob freute. Er konnte sich aber nicht vorstellen wie das alles funktionieren sollte. Ein Arzt, der zu einem Patienten gehen sollte, der gar kein Patient sein wollte. Merkwürdigkeit war scheinbar doch ansteckend. Vielleicht doch ein Fall für das Gesundheitamt ? „Schau nicht so blöd aus der Wäsche. Ein Versuch ist es wert“, sagte die Sozialarbeiterin, die ihren Kollegen mit Leichtigkeit durchschaute.

Es fand sich schließlich eine Ärztin, die sich weniger um eine schicke Praxis und schicke  Patienten und Patientinnen kümmerte, sondern aufgrund christlicher Gesinnung auf die Menschen zu ging.  „Macht ja nichts“, dachte der Sozialarbeiter. „Wichtig ist was hinter rauskommt“. Der Sozialarbeiter fürchtete sich vor all zu frommen Menschen, war aber ab und zu bereit jedem eine Chance zu geben. Die Ärztin war gar nicht fromm, sondern fröhlich, freundlich und forsch genung, um auf Menschen zuzugehen ohne sie zu verschrecken. Die Sozialarbeiterin sprach zu dem Mann:“Hallo. Wir sind es wieder. Wir haben heute eine Ärztin dabei, die Ihnen vielleicht helfen kann Ihre Traurigkeit und Hoffnungslosigkeit loszuwerden.“ Ein Seitenbilck und leichtes Interesse funkelte im Ausdruck des Mannes. „Bingo“, dachte der Sozialarbeiter und war gespannt wohin nun Trauer und Hoffnungslosigkeit verschwinden sollten. Sicherheitshalber trat er einen Schritt zurück damit sie nicht versehentlich an ihm haften blieben. Die Ärztin trat vor, legte vorsichtig ihre Hand auf die Schulter des Mannes und sagte:“Sie sehen sehr traurig und niedergeschlagen aus. Ich denke sie sollten sich jemanden anvertrauen, der mal genau schaut was Ihnen fehlt und was Ihnen helfen kann. Ich begleite sie jetzt in eine Klinik.“ Der Mann schaute unsicher zu den anderen. „Kommen Sie mit uns“ fragte die freundliche Ärztin. „Ja“, antwortete der Mann. Nachdem sich alle kurz überrascht angestarrt hatten, packte der Sozialarbeiter alle in ein großes Auto und für zur nächsten Psychiatrie.

Dort lebten alle bis an ihr Lebensende.

Nein. Das ist kein gutes Ende. Das klingt nach Forensik.

Das wahre Ende der Geschichte, bzw. der Fortgang der nachfolgenden Geschichte ist dem Sozialarbeiter unbekannt. Sie fällt nicht mehr in seinen Zuständigkeitsbereich

 

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