Sozialarbeiterprosa

In meiner Funktion als Sozialarbeiter treffe ich auf die unterschiedlichsten Menschen und deren Lebenswelten. Ich sitze nicht nur in meinem Büro und warte darauf, dass jemand zu mir in meine Beratungsstellenwelt kommt, sondern ich gehe auch nach draußen auf die Straße oder in die Wohnungen von Menschen von denen ich vermute, dass Sie Hilfebedarf haben. Diese zugehende Arbeit verlangt häufig große Flexibilität, da ich nie weiß, ob eine angesprochene Person freundlich über die Aufmerksamkeit oder vielleicht ärgerlich über die Störung reagiert. Aus Gründen des körperlichen und seelischen Selbstschutzes gehen wir deshalb in der Regel zu zweit. Spricht der angesprochene Mensch die gleiche Sprache oder kann er vielleicht gar nicht hören und sprechen? Befindet er sich in einer Lebenswelt, die so fern der meinen ist, dass wir nicht miteinander kommunizieren können? Im Laufe meiner mehrjährigen Tätigkeit kam es hier schon zu manch absurden Situation. Ich habe beispielsweise Bauarbeiter bei ihrem Feierabendbier auf der Parkbank angesprochen. Das hat schon für Beschämung gesorgt und teils auch zur allgemeinen Belustigung beigetragen. Es sind in der Dämmerung schon junge Männer bei meinem Anblick aus dem Park getürmt, da sie mich und meinen Kollegen für Polizisten hielten. Ich würde schon zum Kaffeekränzchen in einer geheimen selbstgebauten Behausung im Dickicht am Stadtrand empfangen und habe mir schon manch verrückte Geschichte angehört, die sich anschließend bewahrheiten sollte.
Das öffentliche Interesse an meiner Arbeit erreicht zur Weihnachtszeit traditionell ihren Höhepunkt. Je nach Qualität der Zeitungen oder Sender und der damit verbunden Planungsfähigkeit und Recherchewilligkeit, soll entweder sofort oder zumindest zeitnah etwas zum Mitfühlen präsentiert werden. Das Bild des dankbaren Obdachlosen, der nur auf Hilfe gewartet hat und freudig ein Geschenk entgegen nimmt, ist besonders beliebt. An Heilig Abend tummeln sich manche soziale Institutionen auf der Straße, die sonst eher durch Abwesenheit glänzen, um medienwirksam Spenden zu generieren. Da werden im Stil einer Materialschlacht zweihundert Schlafsäcke in wenigen Stunden herausgehauen, obwohl der Bedarf in der Form gar nicht existiert. Hauptsache es gibt am nächsten Morgen einen schönen Artikel mit Spendenaufruf.
Privatpersonen, die für eine Dosis Dankbarkeit Lebensmittel oder Geschenke verteilen sind oft irritiert oder beleidigt wenn das nicht funktioniert. Da sind schon Schokoweihnachtsmänner zwischen vermeidlich Hilfebedürftigen und vermeidlichen Helfern hin und her durch die Fußgängerzone geflogen. Grenzverletzungen sind im Umgang mit obdachlosen Menschen die größte Falle in die man Tappen kann. Manchmal befinde ich mich schon nach einem Gruß und einem Blickkontakt direkt im gefühlten Wohn- oder Schlafzimmer der betroffenen Person. Es hat sich natürlich objektiv nichts verändert. Ich stehe immer noch auf der Straße vor einer obdachlosen Person. Der betroffene Mensch wohnt dort vielleicht schon länger und ist vielleicht gerade aufgewacht oder hat etwas gegessen. Sofern er bereit ist mich in seine Welt einzulassen, platze ich dann gerade in sein Mittagessen oder seine Morgentoilette. Es ist das mindeste sich für die ungelegene Störung zu entschuldigen und um Erlaubnis für das Anbringen seines Anliegens zu fragen. Wenn ich tatsächlich störe verschiebe ich mein Anliegen auf später und tue die Absicht auch kund. Wer hätte schon Lust früh morgens beim Erwachen von einem wildfremden Menschen einen Schokoweihnachtsmann ins Bett gelegt zu bekommen? Ich jedenfalls nicht.

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